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Dichtung und Literatur des Mittelalters

von Klaus Wolf (Augsburg)

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Mittelalterliche Literatur erscheint von Anfang an zweisprachig. Tendenziell ist lateinische Literatur gelehrt bis geistlich und orientiert sich an einem klerikalen Publikum, während deutschsprachige Literatur eher weltlich orientiert ist und sich an ein laikales Publikum wendet.

Beitragsbild: Kaiser Heinrich VI. als „Dichter“ im Codex Manesse (ca. 1305-1340)
UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 6r.

Ausnahmen bestätigen dabei die Regel, wenn klerikale Autoren in Latein und Volkssprache weltliche Gattungen bedienen und Laien sich auch an geistlichen Werken versuchen. Dabei dringt je länger je mehr die Volkssprache in Gebiete vor, die ursprünglich für Latein reserviert waren. Dies betrifft nahezu alle Gattungen.

1. Gattungsvielfalt

Einzelne Gattungen und Werke liefern in mittelhochdeutscher und frühneuhochdeutscher Sprache Informationen, die auch von einigem Quellenwert für die Geschichtswissenschaft sind. Hier ist neben der Ereignisgeschichte auch an Sozial- und Kulturgeschichte im weiteren Sinne zu denken. Zunächst ist dabei die überaus vielschichtige mittelalterliche Chronistik zu nennen, welche sowohl metrisch gebunden als auch in Prosa auftreten kann und frühzeitig auch graphische Schemata etwa zur Abfolge von Päpsten und weltlichen Herrschern kennt und besonders im Buchdruck reich bebildert sein kann. Neben für den Historiker offensichtlich lohnenden Gattungen wie Chroniken, Annalen und Tagebüchern (beispielsweise die sozial- und kulturgeschichtlich äußerst ergiebigen Aufzeichnungen der Patrizierfamilie Rorbach in Frankfurt am Main) sind seit dem Hochmittelalter auch vermeintlich rein fiktionale Werke aus Epik, Lyrik und Dramatik als historische Quellen ertragreich.

Abbildung Nürnbergs in der „Schedelschen Weltchronik“. UB Heidelberg, B 1554 B Folio INC, fol. 99 v. u. 100 r.

2. Epik

Direkten historischen Bezug weist die Heldenepik auf, weil ihre Protagonisten historische Wurzeln haben, die später in Heldenlied und Heldensage gesteigert umgeformt wurden. Hinter Dietrich von Bern verbirgt sich beispielweise der Ostgotenkönig Theoderich, der in Ravenna residierte. Der historische Wert etwa des Nibelungenlieds zeigt sich aber weniger in seinen ereignisgeschichtlichen Wurzeln in der Völkerwanderungszeit, sondern vielmehr in seiner Verschriftlichung um 1200, wo die hochmittelalterliche höfische Kultur etwa in den sogenannten „Schneiderstrophen“ mit ihren scheinbar endlosen Beschreibungen von Hoffesten manifest wird. Nicht zuletzt wird die höfische Kultur der Stauferzeit, aber auch des Spätmittelalters in höfischen Romanen zum Artuskreis, aber noch in den Romanprojekten Kaiser Maximilians I. bis hin zu kunstvollen Abbildungen in den Überlieferungsträgern sichtbar. Einen Sonderfall stellt die Gattung der Chanson de Geste dar, welche auf karolingischer Grundlage die im Hochmittelalter aktuelle Kreuzzugsthematik auch militär- und kulturgeschichtlich spiegeln. Der zukunftsweisende spätmittelalterliche Prosaroman, der vielfach schon im Buchdruck publiziert wird, gibt einen Einblick in das Milieu der aufstrebenden Städte, wie etwa beim Augsburger Fortunatus-Roman deutlich wird, der als früher Kaufmannsroman gelesen werden kann.

Roland stürmt den Tempel Mahomets, Ende 12. Jh. UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 112, P, fol. 57 v.
Titelseite „Fortunatus“, Augsburger Erstausgabe von 1509

3. Lyrik

Der Minnesänger und Sangspruchdichter Walther von der Vogelweide. UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 124 r.

Hochmittelalterliche Lyrik umfasst einerseits Liebesdichtung im Minnesang, andererseits weltliche und politische Dichtung im Sangspruch. Während der Minnesang allenfalls als literarisches Spiel Quellenwert für die Kulturgeschichte hat, ist die Gattung Sangspruch auch ereignisgeschichtlich äußerst anspielungsreich. Dies beginnt schon beim Gönnerlob, wo sich etwa die herausragenden Dynastien der Staufer, Welfen, Wittelsbacher, Babenberger oder Ludowinger im Hochmittelalter identifizieren lassen. Im Spätmittelalter kommen etwa noch die Habsburger hinzu. Weitaus wichtiger sind direkte politische Bezugnahmen beispielsweise in der Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser bei Walther von der Vogelweide und noch bei Frauenlob. Dabei gehört die Gattung Sangspruch, welche auch an weniger bedeutenden Höfen anzutreffen ist, zu den zählebigsten der deutschen Literaturgeschichte.

4. Dramatik

Das Drama des Mittelalters beginnt im deutschsprachigen Raum in der Stauferzeit. Mit dieser Dynastie wird etwa der ‚Ludus de Antichristo‘ in Verbindung gebracht, der beziehungsreich auf die zeitgenössischen politischen Verhältnisse in Europa anspielt. Auch scheinbar unpolitische Gattungen wie Passions- oder Fastnachtsspiele, welche im gesamten deutschsprachigen, ja europäischen Raum, besonders im Spätmittelalter eine Blütezeit erfahren, aktualisieren das Bühnengeschehen mit zahlreichen, mitunter durchaus kabarettistischen Anspielungen bis hin zur Namensgebung bei Bühnenrollen, wenn Juden etwa die Namen einheimischer jüdischer Stadtbürger tragen. Von daher sind mittelalterliche Dramen eine bislang zu wenig ausgewertete historische Quelle insbesondere für die Geschichte mittelalterlicher Städte.

Beginn der Frankfurter Dirigierrolle, welche auch deutschen Sprechtext für einen Juden "lieberman", vorsieht, wobei ein gleichnamiger jüdischer Stadtbürger für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts belegt ist.

5. Fachprosa

Einen wichtigen Einblick in Technik-, Medizin- und Wirtschaftsgeschichte gibt die seit dem Spätmittelalter in Handschrift und Druck geradezu explodierende Fachprosa. Denn die volkssprachigen Traktate wenden sich nicht zuletzt an ein in erster Linie stadtbürgerliches Publikum von Experten. Hierher gehören auch weit verbreitete und nicht selten massiv illustrierte Werke des Kriegsschrifttums. Durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern wird vordem gelehrte bis universitäre Literatur breiteren Schichten geöffnet, wobei die Druckwerke in frühneuhochdeutscher Prosa für den Historiker zu wichtigen Quellenwerken beispielsweise der Astronomiegeschichte oder der Medizingeschichte werden.

Kampfwagen. Abbildung aus dem "Bellifortis" des Konrad Kyeser. München, BSB, um 1430, entstanden vielleicht in Böhmen
Büchlein von den ausgebrannten Wässern (Heildestillate), Druck Johann Zainer Ulm 1498

6. Edition und Überlieferungsgeschichte

Beim Quellenstatus der genannten Gattungen gilt es zu beachten, dass ein Rekurrieren nur auf Editionen in die Irre führen kann. Vor allem beim Bezug auf regionale Fragestellungen lohnt sich ein Blick auf die regionale Überlieferung von Chronistik, Epik, Lyrik, Dramatik und Fachprosa. Durch die Einbeziehung überlieferungsgeschichtlicher Fragestellungen sind insbesondere individuelle Besonderheiten und die fallweise reiche Bebilderung als historische Quellen fruchtbar. Für die Germanistik sind hier die im Wachsen befindlichen Handschriftenbeschreibungen und Digitalisate auf der Website des Marburger Repertoriums/Handschriftencensus unverzichtbar: https://handschriftencensus.de/

Zitiervorschlag
Klaus Wolf: Dichtung und Literatur des Mittelalters, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einführung (2020). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/wolf