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Archäologische Quellen

von Natascha Mehler (Universität Tübingen)

Lesezeit: ca. 7 Minuten

Seit etwa 60 Jahren gibt es in Deutschland die Archäologie des Mittelalters. Sie hat sich in den Nachkriegsjahren – bedingt durch zahlreiche Bodeneingriffe als Folge verstärkter Bauaktivitäten – aus dem akademischen Fach Ur- und Frühgeschichte heraus entwickelt.

Spätmittelalterliche Skelette aus dem Bereich von Kirche und Kloster St. Martin
in Augsburg, Archäologische Ausgrabung (Foto: Stadtarchäologie Augsburg)

Inzwischen gibt es mehrere Universitätstandorte, an denen die Archäologie des Mittelalters unterrichtet wird und Forschungsprojekte laufen. Zentral in Lehre und Forschung sind Untersuchungsmethoden und Interpretationen von archäologischen Quellen aus der Zeit des Mittelalters, deren Anwendungen geleitet sind von dem Verständnis, dass das Mittelalter nur unter Einbeziehung aller zur Verfügung stehenden Quellen zu verstehen ist – einschließlich der archäologischen Quellen.

1. Quellenvielfalt

Blick in das Magazin für Kleinfunde der Stadtarchäologie Augsburg (Foto: Alexander Bernhard, Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern)
Dokumentation von Befunden im Film "Archäologie des Mittelalters", produziert für www.mittelalterliche-geschichte.de (2007).

Täglich finden vielerorts archäologische Ausgrabungen statt, bei denen Überreste aus dem Mittelalter dokumentiert und geborgen werden. All diese Überreste sind Quellen zum Mittelalter. Ihre Vielfalt bezüglich Zusammensetzung und Aussagekraft ist enorm und mit jedem Ausgrabungstag wird unsere archäologische Quellenbasis größer. Die Quellen werden dabei in Befunde und Funde unterschieden. Unter Befund versteht man in der Regel alle immobilen Überreste wie etwa Mauern, Baugruben, Pfostenlöcher oder Grabgruben. Es ist nur selten möglich, solche immobilen Überreste zu erhalten, denn meist werden sie im Zuge von Bauvorhaben zerstört.

Befunde dokumentieren

Wichtig ist daher, Befunde so gut wie möglich zu dokumentieren: sie werden vermessen, photographiert, maßstabsgetreu gezeichnet oder gescannt. Als Fund werden alle dinglichen, mobilen Überreste bezeichnet, wie Scherben, Gegenstände aus Keramik oder Glas, Metall, Knochen oder Geweih. Vergänglichere organische Objekte aus Holz, Textil oder Leder werden in weit geringerer Zahl gefunden. Die Funde werden geborgen, ihre genaue Lage dokumentiert, anschließend gereinigt und in den Depots von Denkmalschutzbehörden oder Museen aufbewahrt. Wichtige archäologische Quellen sind zudem Überreste von Menschen und Tieren (z. B. Skelette bzw. Knochen, Fäkalien) oder Pflanzen (z. B. Pollen, Samen). Anschließend werden Befunde und Funde analysiert, in ihren historischen Kontext gebettet und interpretiert.

2. Quellenstudium

Studierende der Mittelalterarchäologie lernen diese archäologischen Quellen zu bergen und zu dokumentieren, zu lesen und zu interpretieren. Wie hat beispielsweise ein Töpfer im Hochmittelalter Geschirr produziert, wo bekam er die notwendigen Rohstoffe her, wie und wohin hat er seine Waren vertrieben, welche Töpferwaren hat er produziert, wie wurden sie verwendet und wie datieren sie? Wenn diese Fragen beantwortet sind, kann man mit Produkten dieser Töpferei – wenn sie als Scherben und Abfall z. B. in einer Baugrube landen – die Errichtung eines Gebäudes datieren oder Konsumverhalten nachvollziehen. Bei der Untersuchung archäologischer Quellen kommen dabei immer mehr naturwissenschaftliche Analysemethoden zum Einsatz.

Naturwissenschaftliche Analysemethoden

Die Archäologie des Mittelalters arbeitet daher nicht nur eng mit den historischen Wissenschaften zusammen sondern auch mit Naturwissenschaften wie der Geologie, Botanik oder Anthropologie. Die chemische Zusammensetzung von Keramikfunden kann z.B. mit der Röntgenfluoreszenzanalyse oder einer massenspektrometrischen Analyse bestimmt werden, was wiederum Erkenntnisse zu Rohstoffeinsatz und –handel liefert. Tierknochenfunde aus einer Latrine verraten uns beispielsweise welche Tiere bzw. Teile davon verzehrt wurden, wie man sie zubereitete, welche Tierarten von bestimmten sozialen Schichten gegessen wurden, oder wie sich bestimmte Tierpopulationen bezüglich Größe und Gewicht im Lauf der Zeit veränderten. Im Bachelorstudium erhalten Studierende einen Überlick über die archäologischen Quellen. Angesichts der Vielfalt ist es danach meist so, dass sich Master-Studierende auf bestimmte Quellen und Analysemethoden spezialisieren.

„Demokratische“ Quellen

Für die Interpretation der archäologischen Quellen ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass wir sie als “demokratischer” betrachten als Schriftquellen. Vor allem im Früh- und Hochmittelalter werden Schriftstücke nur von wenigen Personen aus den Kreisen von Klerus oder Adel verfasst und gelesen. Die archäologischen Hinterlassenschaften, die wir bei Ausgrabungen finden, stammen von allen Bevölkerungsschichten und sind deutlich zahlreicher.

Eine spätmittelalterliche Latrine in Augsburg (Maximilianstraße 23) während der Ausgrabung. Zu sehen sind Geschirr- und Kachelfragmente aus Keramik, Reste von Trinkgläsern, Metallreste sowie eine Münze, die im hölzernen Latrinenschacht verstreut liegen (Abbildung: PLANAteam Augsburg / Stadtarchäologie Augsburg).

3. Quellenkritik

Im Graben der Burg Vechta (Niedersachsen) fand sich eine Flöte aus dem Knochen eines Gänsegeiers (Gyps fulvus), die ins 14. Jahrhundert datiert. Flötentyp und zoologische Bestimmung zeigten, dass die Flöte aus dem mediterranen Raum, vermutlich aus islamischem Zusammenhang, stammt (Abbildung: J. Paulo Ruas und Hans Christian Küchelmann).

Für die Interpretation archäologischer Quellen ist es wichtig, Material- und Bodeneigenschaften, Befundkontext und auch Ausgrabungsbedingungen zu kennen. Bei der Arbeit mit Funden sind folgende kritische Fragen zu berücksichtigen: Wurde ein Objekt mit einer bestimmten Intention deponiert (z.B. eine Münze in einem Grab) oder ist es zufällig auf uns gekommen (z.B. entsorgter Topf in einer Abfallgrube)? Ermöglichen die Bodenverhältnisse keine Erhaltung organischer Funde oder warum fehlen beispielsweise Funde aus Holz, Leder oder Textilien? Gegenstände aus Eisen und Buntmetall wurden meist recycled, ihr Fehlen lässt also nicht darauf schließen, dass sie einst nicht in Gebrauch waren. Ist eine Siedlung oder Kirche vollständig ausgegraben oder nur ein Teil davon? Weist die verantwortliche Grabungsleitung die notwendige Fachkenntnis für eine Ausgrabung der Zeitstellung Mittelalter auf? Ist der Befund ungestört oder zeigen sich Hinweise auf ältere Bodeneingriffe, die Teile des Befunds zerstört haben?

4. Quelleneditionen

Inzwischen liegen in Form von umfassenden Bearbeitungen von Fundkomplexen einige Editionen von archäologischen Quellen des Mittelalters vor. So gibt es beispielsweise sehr gute Überblickswerke zur Bestimmung und Datierung von mittelalterlichen Trinkgläsern oder Ofenkacheln, oder zu mittelalterlichen Befunden und Bauten bestimmter Städte. Die Zahl der Online-Editionen von mittelalterlichen Gegenständen nimmt ebenfalls zu. Sie sind besonders für überregionale Bewertungen und Einordnungen wichtig und unterstützen die Fundbestimmung. Hervorzuheben sind beispielsweise die interdisziplinäre Bilddatenbank REALonline des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (Universität Salzburg), deren besonderer Wert darin liegt, dass archäologische Quellen und Bildquellen gemeinsam darin zu finden sind und so direkte Bezüge erschlossen werden können. Eine weitere Objektdatenbank ist das britische Portable Antiquities Scheme, das inzwischen mehr als 1,5 Millionen Objekte (vom Paläolothikum bis zur Neuzeit) aus vielen Teilen Europas enthält. Ein Beispiel für eine Befunddatenbank ist THANADOS, die Gräberfelder und Bestattungen des Früh- und Hochmittelalters im Ostalpenraum aufzeigt. Solche Quelleneditionen ermöglichen Studierenden wie Forschenden eine Fundbearbeitung und –interpretation und einen schnellen Quellenzugriff.

Zitiervorschlag
Natascha Mehler: Archäologie des Mittelalters, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einführung (2021). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/mehler