Torarollen

von Annett Martini (Berlin)

Lesezeit: ca. 18 Minuten

Eine Torarolle bzw. ein „Sefer Torah“ beinhaltet ausschließlich den unvokalisierten Text der fünf Bücher Mose und ist der zentrale Kultgegenstand im synagogalen Gottesdienst. Sie besteht aus bis zu etwa 90 zusammengenähten Pergamentbögen, die beidseitig auf mit Griffen und Holzscheiben versehenen Holzstangen aufgerollt sind.

Beitragsbild: Magdeburger Torarolle aus dem 14. Jahrhundert
(Cod. Guelf. 148 Noviss. 2°, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)

Betrachtet man die materialen Eigenschaften von Torarollen, fällt das ernste Bemühen der Schreiber auf, jegliche Veränderung zu vermeiden. Die Beschaffenheit des Pergaments, die Farbe der Tinte, das Schriftbild und die festgelegten Formen der Buchstaben, der Buchstabenkrönchen (tagin) und Sonderzeichen haben, von kleinen Varianten abgesehen, zumindest seit der Spätantike kaum Veränderungen erfahren.

Anders als bei der Weitergabe der Hebräischen Bibel haben die Schreiber bis heute den buchkünstlerischen Versuchungen der Umweltkulturen – etwa prachtvollen Illuminierungen oder kunstvoller Kalligraphie – erfolgreich widerstehen können. Die verschlossene Welt der professionellen Toraschreiber (sofrei STaM Akronym: Sefer Torah, Tefillin und Mezuzot) konnte auch von medialen Veränderungen wie dem revolutionären Buchdruck oder von technischen Neuerungen, die etwa die Materialherstellung und die Schreibgeräte betreffen, nicht erschüttert werden.

1. Ritual und Gedächtnis

Darstellungen von Toraschreinen in mittelalterlichen Handschriften
Offener Toraschrein
Toramantel mit Rimmonim, London 18. Jhd. Bildmaterial aus Yaniv, Bracha: Ceremonial Synagogue Textiles. From Ashkenazi, Sephardi, and Italian Communities, Littman Library of Jewish Civilization, 2019X

Eine Torarolle wird zu Beginn des Gottesdienstes von einer ausgewählten Person aus dem Toraschrein „herausgehoben“ und zeremoniell zum Lesepult [bima] getragen, dort ihres Schmuckes entkleidet und für die Lesung aufgerollt. Der Toraschrein wird wie die Bundeslade ’aron ha-qodeš genannt und erinnert dementsprechend an das Behältnis der Mosaischen Steintafeln, die das Volk Israel während seiner Wanderung durch die Wüste mit sich trug. Die Lade mit den Gesetzestafeln fand zunächst in dem transportablen Heiligtum, der Stiftshütte, einen festen Ort, später stand sie im Allerheiligsten des Salomonischen Tempels, wo sie selbst dem Hohepriester nur einmal im Jahr zu Jom Kippur zugänglich gewesen sein soll.

Torarollen sind durch oftmals sehr wertvolle Stoffhüllen oder Holz- bzw. Metallkästchen geschützt. In Anlehnung an die detaillierte biblische Beschreibung der Priesterkleidung in Exodus 28 umwickelt man in der aschkenasischen, aber auch in der italienischen und türkischen Tradition die Torarollen mit einer Stoffbinde oder einem Wimpel, über den ein Mantel (me‘il, mitpahat oder mappah) gelegt wird.

Während der Aus- und Wiedereinhebung der Schriftrolle erheben sich die versammelten Gemeindemitglieder von ihren Plätzen und begrüßen die kleine Prozession durch Verbeugungen und Rezitationen. Als Geste der Verehrung und direkten Verbundenheit mit Gott küssen Gemeindemitglieder den Mantel des Sefer Torah. Der Aufruf, einen Abschnitt der Tora vorzulesen, heißt „Aufstieg“ (‘alijah) und erinnert an die Besteigung des Bergs Sinai durch Moses – performativ durch das Betreten des erhöhten Lesepults nachvollzogen.

Im Anschluss an die Lesung des Wochenabschnitts oder gegebenenfalls der Prophetenbücher (haftarot) und noch bevor die Rolle wieder bekleidet und an ihren angestammten Platz im Toraschrein zurückgetragen wird, hält der Vorleser die Rolle mit beiden Armen in die Höhe und zeigt sie den versammelten Gemeindemitgliedern, die im Chor sprechen: „Das ist das Gesetz, das uns Moses gegeben hat […]“.

Die Gemeinde wiederholt dementsprechend in jeder öffentlichen Lesung das bedeutsame Offenbarungsereignis, das den Glauben und die Identität des jüdischen Volkes begründete, durch einen symbolischen Aufstieg eines „Moses“ aus der Gemeinde zu Gott. Die Geste des Zeigens der Rolle verlegt die Übergabe des Gesetzes von Moses an das Volk Israel in die Gegenwart; durch das gemeinsame Sprechen der Formel erneuern die Anwesenden den Bund des jüdischen Volkes mit Gott und versichern sich so ihrer sozialen Ordnung. In einem Sefer Torah fließen dementsprechend die weit entfernte Vergangenheit und die Gegenwart in der Ordnung des Ritus bzw. der Festordnung nahtlos ineinander über.

2. Materialisierte Heiligkeit

Die Reinheit des Materials und Lauterkeit des Herzens spielen bei der Herstellung und Handhabe der heiligen Schriftrollen eine zentrale Rolle. Die Vorstellung von „rein“ und „unrein“ ist die zentrale Ordnungskategorie im jüdischen Denken und eng mit der Idee von „heilig“ und „profan“ verknüpft. Ausschlaggebend für die Vorstellung von „rein“ und „unrein“ war die Heiligkeit des Tempels. Um dieser zu entsprechen, mussten alle Menschen und Dinge, die in Kontakt mit dem Heiligtum standen, im Zustand absoluter Reinheit sein.
Die jüdische Literatur der Antike lässt keinen Zweifel: dem Tempelrollenexemplar kam hochheiliger Charakter zu und es war denselben rituellen Regeln wie den hochheiligen Tempelgeräten unterworfen.

Schriftträger

Aus diesem Grund war und ist die Reinheit des Materials, aus dem die heiligen Rollen gefertigt sind, von außerordentlicher Bedeutung. So muss das Pergament bzw. Leder, auf dem die STaM geschrieben werden, von den Häuten rituell reiner Tiere stammen. Damit sind Tiere gemeint die nach jüdischen Speisevorschriften zum Verzehr geeignet sind, wie z.B. Rind, Wild oder Schafe, aber im Unterschied zu diesen nicht rituell geschlachtet sein müssen. Die rabbinische Literatur beinhaltet recht klare Ausführungen darüber, welche Häute für das Schreiben eines Sefer Tora, der Tefillin und Mezuzot und welche allein dem profanen Raum vorbehalten sind. Für den sakralen Bereich ausdrücklich nicht geeignete Häute sind mazzahḥippa und diphtera, die gar nicht oder wenig aufwendig bearbeitet wurden. Stattdessen verwiesen die Rechtsgelehrten auf den altbekannten Schreibstoff Leder, wobei sie zwischen gewilqelaf und duchsustos differenzierten. Diese Häute sollten alle drei Stufen des antiken Herstellungsprozesses – so wie sie sich der Talmud auf Grundlage der Gerbpraxis im Nahen Osten vorstellte – durchlaufen haben:

1. Das Salzen der Haut.
2. Das Bemehlen derselben.
3. Das Gerben der Haut mit Gallapfelextrakt.

Gewil erfuhr keine Weiterverarbeitung, während für die Herstellung von qelaf und duchsostos eine Haut noch gespalten wurde. Die sich daran anschließende Diskussion um die halachisch, i.e. religionsgesetzlich einwandfreie Herstellung der Schreibhäute im islamisch-arabischen Kulturraum hallte in der frühen religionsgesetzlichen Literatur Europas nach – doch mit einer gewissen Distanz. In Europa setzte sich bereits in der Antike Pergament, das erst ab dem 13. Jahrhundert langsam vom Papier verdrängt wurde, als Schreibstoff durch. Der wesentliche Unterschied zum Leder ist der Verzicht auf Tannine, deren festigende Wirkung durch eine Behandlung der Häute mit einer Kalklösung und langsames Trocknen an der Luft ersetzt wird. Das entspricht keineswegs der rabbinischen Vorstellung von einer einwandfreien Schreibhaut; dennoch: europäische Juden übernahmen das Pergament für die STaM – auch weil sie ab dem 12. Jahrhundert zunehmend aus dem Gerberhandwerk verdrängt und daher weitestgehend von christlichen Pergamentern abhängig waren. Im islamischen Kulturraum benutzten Juden dagegen weiterhin nach den oben genannten Richtlinien behandeltes Leder oder, wie aus einigen rabbinischen Diskussionen hervorgeht, das im arabischen Raum verbreitete raq – eine Schreibhaut, die von den rabbinischen Autoritäten mit ḥippa, also einer wenig bearbeiteten Schreibhaut verglichen wurde. Torarollenzeugnisse aus dem Jemen bezeugen im Vergleich zu europäischen Artefakten sehr gut die Entwicklung unterschiedlicher regionaler Traditionen hinsichtlich der Beschreibstoffe.

Schreiber beim Kopieren
(Foto: Annett Martini)

Schreibgeräte

Zu den Schreibgeräten im rituellen Gebrauch ist zu bemerken, dass sowohl verarbeitetes Schilfrohr als auch Vogelfedern verwendet werden. Die Feder des Toraschreibers trägt die Bezeichnung Qulmus und eignet sich idealerweise sowohl zum Schreiben von breiten Buchstaben, als auch zum filigranen Verzieren der Buchstaben mit Krönchen. Damit sich beim Abschreiben kein Fehler einschleicht, muss jedes Wort von ihm laut gelesen werden, bevor er es endgültig zu Pergament bringt. Damit soll zum einen die Heiligkeit des Textes auf die Schriftrolle übergehen, zum anderen aber auch vermieden werden, dass der Schreiber ganze Passagen aus dem Kopf schreibt – auch wenn das für ihn sicherlich kein Problem darstellte.

Tinte und Schreibfeder
(Foto: Annett Martini)

3. Die Buchstabenformen und ihre symbolische Bedeutung

Schriftbild einer mittelalterlichen Torarolle aus dem aschkenasischen Raum (Ms. or. fol. 1216, Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz)

Betrachtet man das Schriftbild einer Torarolle näher, fallen die exakt geschriebenen Buchstaben ins Auge, die beinahe Druckqualität besitzen. Ein Schreiber hat für jeden der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets exakte Schreibvorgaben, die kaum Platz für Interpretationen oder so etwas wie künstlerische Freiheit lassen. Ein Schreiber benutzt zum Kopieren der STaM aber auch für das Abschreiben der Hebräischen Bibel immer die assyrische Quadratschrift. Diese Schrift basiert auf dem aramäischen Alphabet, das das althebräische Schriftsystem etwa im fünften vorchristlichen Jahrhundert verdrängte. Den Namen „Quadratschrift“ bekam sie, da jeder Buchstabe ein ganzes bzw. halbes Quadrat ausfüllt und sich die Linienführung der Zeichen mit hauptsächlich waagerechten und senkrechten Strichen meist am Quadrat orientiert. Besteht auch nur der leiseste Zweifel, ob ein Buchstabe die rechte Proportion hat oder durch einen Riss im Pergament o. ä. in seiner Form bedroht ist, wird dem Schreiber eine recht unkonventionelle aber zuverlässige Kontrollinstanz empfohlen. Er möge den betreffenden Buchstaben einem Kind, das nicht besonders klug aber auch nicht zurückgeblieben sein sollte, vorlegen. Liest das Kind ihn richtig, besteht kein Handlungsbedarf. Hat das Kind Schwierigkeiten beim Lesen oder liest gar einen anderen Buchstaben als dort vorgesehen, ist die Textstelle und damit die ganze Rolle untauglich und muss ausgebessert werden.

Der Buchstabe alef
Der Buchstabe gimel
Der Buchstabe samekh
Der Buchstabe tav
Zwei lamed mit ungewöhnlichen Fähnchen am oberen Ende
Auf ungewöhnliche Weise gekrönte Buchstaben schin, pe und tet

Die Körper der Buchstaben

Die Körper der Buchstaben dienen aber auch als Erinnerungszeichen für die grundlegenden Elemente des jüdischen Glaubens, die beim Schreiben oder Lesen ins Gedächtnis gerufen werden können. Die rabbinische antike Tradition offenbart bereits ein tief verwurzeltes Geflecht von sinnbildlichen Konnotationen, das insbesondere von den jüdischen Mystikern gerne aufgegriffen und weitergeführt wurde. Das alef, beispielsweise, verwandelt sich in einen aufrecht stehenden Menschen, der mit erhobener Hand die Wahrheit Gottes bezeugt. Das gimel gleicht einem Mann, der einen Armen an der Tür sieht und in sein Haus hinein geht, um aus ihm Speise für den Armen herauszuholen. Die geschlossene Form des samekh bezeugt das Auserwähltsein des Volkes Israels, da die Schekhinah – das ist die Präsenz Gottes in der Welt – sich rings um die Israeliten gelegt habe, damit Gott sie nicht vertauscht mit einem anderen Volke. Der Fuß des taw ist eingeknickt, da der Toraschüler seine Füße krümmen muss, um sich mit der Tora zu beschäftigen – um nur einige wenige Beispiele aus dem einflussreichen Midrasch „Das Alphabet des Rabbi Akiba“ (Palästina 6–10 Jhd.) zu nennen.

Eine paläographische Besonderheit der jüdischen Schrifttradition besteht darin, dass einige Buchstaben der stark standardisierten Quadratschrift innerhalb der Schriftrollen mit Krönchen (tagin) verziert bzw. auf ungewöhnliche Weise geschrieben (otijjot meshunnot) werden. Der Talmud legt sich auf die sieben Buchstaben gimelzajintet‘ajinnunzade und schin für diesen außergewöhnlichen Buchstabenschmuck fest. Mittelalterliche Schriftzeugnisse aus der Zeit vom 12. bis 15. Jahrhundert (es gibt einige spätere Zeugnisse dieses Phänomens vor allem innerhalb der Megillot) weisen jedoch zahlreiche Ausnahmen von dieser antiken Beschränkung und eine bemerkenswerte Formenfülle an neuen Verzierungen auf. Rechtsgelehrte aus unterschiedlichen Regionen der Diaspora sahen durch die ungewöhnlichen Kringel, Bögen, Fähnchen und Strichelchen die authentische Gestalt eines Sefer Torah bedroht und drangen auf Einheitlichkeit. Parallel zu dieser ungewöhnlichen Schreibpraxis entwickelte sich eine exegetische Tradition, die diese Krönchen und ungewöhnlich geschriebenen Buchstaben, aber auch die standardisierten Buchstabenformen aus rabbinisch-ethischer, mystischer und philosophischer Perspektive interpretierte.

4. Das Layout

Die Zusammensetzung der Buchstaben zu Wörtern, die Anordnung der Wörter in den Sätzen, die Festlegung der Absätze und Textlücken und die Darstellung der Kolumnen auf einem Bogen Pergaments – nichts ist dem Zufall überlassen. So ist ein haaresbreiter Abstand zwischen den Buchstaben, eine Buchstabenbreite zwischen den Wörtern, eine Zeilenhöhe zwischen den Zeilen und zwei Daumenbreiten zwischen den Kolumnen, eine Handbreit unterhalb und drei Fingerbreit oberhalb des Textes und vier Zeilenhöhen zwischen den einzelnen Büchern der Tora vorgeschrieben. Eine Kolumne sollte immer als rechteckiger Block mit möglichst geraden Rändern erscheinen. Der Schreiber erfährt neben Empfehlungen für die ideale Anzahl von Kolumnen je Bogen auch „Tricks“ für die nicht ganz einfache Realisierung eines „Blocksatzes“. Selbstredend hat der eigentlichen Kopierarbeit eine gut durchdachte Linierung vorauszugehen.

Die Darstellungen des sogenannten „Meerliedes“ (Ex 15, 1–19) und des „Moseliedes“ am Ende der Tora (Deut 32, 1–43) bilden eine Ausnahme im gleichmäßigen Fluss der Kolumnen. Im Meerlied besingt Moses das Wunder von der Rettung des Volkes Israel vor den Truppen des Pharao. Die Wasser teilten sich, ließen die Verfolgten trockenen Fußes hindurch, während die Ägypter mit Ross und Wagen in die Tiefe gerissen wurden und ertranken. Diese Szenerie manifestiert sich bis heute in der visuellen Form des berühmten Liedes, indem Ziegel über Halbziegel, d. h. ein ganzes Versmaß über einem halben Versmaß, angeordnet ist, so dass ein Bild entsteht, dass die Wogen des roten Meeres vor dem inneren Auge des Betrachters lebendig werden lässt. Die Verse des Mosesliedes werden dagegen in zwei Säulen Ziegel über Ziegel bzw. Halbziegel über Halbziegel geschrieben. Beide Lieder sind von großer Bedeutung für die Identität des jüdischen Volks und deshalb ganz bewusst aus dem Text hervorgehoben. Ihre besondere Gestalt ist eine Aufforderung an die Betrachter, genauer hinzusehen und sich den Inhalt der Lieder als etwas Gewichtiges einzuprägen. Sie markieren zentrale Orientierungspunkte im kulturellen Gedächtnis der jüdischen Religionsgemeinschaft.

Kolumnen einer Torarolle
Kolumnen einer Torarolle (Ms. or. fol. 1217, Berliner Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz)
Meerlied
Meerlied (Ms. or. fol. 1216, Berliner Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz)
Moseslied (Berliner Ms. or. fol. 1216, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz)

5. Der Name Gottes

Das Schreiben der Namen Gottes ist ein besonders heikles Thema innerhalb der Schreiberliteratur. Was ist zu tun, wenn der Name Gottes vom Schreiber vergessen wurde? Wie verfährt er, wenn er einen Namen zweimal hintereinander geschrieben hat? Welche Korrekturregeln hat der Schreiber in diesem Falle zu beachten? Wenn beispielsweise ein Schreiber den Namen JHWH schreiben sollte und aus Versehen stattdessen Jehudah schrieb, sollte er aus dem dalet ein he machen und das letzte he ausradieren. (Massechet Soferim, 5:3) Im umgekehrten Fall, wenn der Schreiber also statt Jehudah das Tetragramm JHWH schreibt, sollte er [das gesamte Wort] ausradieren und den Namen neu schreiben (Massechet Soferim, 5:2).

Beim Schreiben der Gottesnamen sind einige Eventualitäten in Betracht zu ziehen, und nicht immer sind die Rabbinen einer Meinung. Einigkeit herrscht darüber, das dem Tetragramm JHWH die peinlichste Sorgfalt der Schreiber und die größten Umstände bei der Korrektur zu gelten haben. Das Ausradieren des ganzen Namens oder das Überschreiben einzelner Buchstaben ist unter allen Umständen zu vermeiden. Das gleichsam magische Zusammenspiel der Buchstaben des Namens sollte nicht durch einen unkonzentrierten Schreiber oder weltliche Ordnungen gestört werden. Selbst ein König hat seine Zweitrangigkeit in Anbetracht des himmlischen Herrschers zu akzeptieren, wie die kleine Parabel vom irdischen König, der geduldig den Gruß des Schreibers abwartet, sehr schön versinnbildlicht:

Derjenige, der den Namen [JHWH] schreibt und just in diesem Moment von einem König gegrüßt wird, muss den Gruß nicht erwidern. Doch wenn einer zwei oder drei Namen schreibt, darf er nach einem eine Pause machen und den [königlichen Gruß] erwidern. [Ebd., 5:6]

Die Gottesnamen geben auch den Anstoß für die Diskussion, wie mit unbrauchbar gewordenen Torarollen umzugehen ist. Aus Respekt vor den göttlichen Namen dürfen sie nicht einfach weggeworfen werden, sondern müssen genau wie andere Schriftstücke, die den Gottesnamen enthalten, in einer Geniza rituell verborgen oder in einer Ecke auf dem Friedhof vergraben werden. Um den bereits geschriebenen Gottesnamen zu schützen, muss auch eine unvollständige, fehlerhafte oder rituell unreine Torarolle dementsprechend behandelt werden.

Trotz der stark standardisierten Herstellungspraxis haben sich im Laufe der Zeit regionale Unterschiede hinsichtlich der Beschaffenheit der Schreibhäute, der Zusammensetzung der Tinten, des Layouts, kleiner Textvarianten oder paläographischer Besonderheiten herausgebildet. Auf Grundlage einer Vielzahl von vergleichenden Fallstudien ist es der Forschung dementsprechend möglich geworden, zwischen Torarollen aus Aschkenas oder Sefarad, dem Nahen Osten, dem Byzantinischen Reich oder dem Jemen zu unterscheiden.

Zitiervorschlag
Annett Martini: Torarollen, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einführung (2021). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/martini