Quellenerschließung3. Die Regesta Imperii (RI)Quellen zur Reichsgeschichte von Karl dem Großen bis Maximilian I.

Quellen zur Reichsgeschichte von Karl dem Großen bis Maximilian I.

von Steffen Krieb (Mainz)

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Die Regesta Imperii (RI) sind ein internationales Quellenwerk zur deutschen und europäischen Geschichte des Mittelalters. Auf der Grundlage von Urkunden, Geschichtsschreibung und weiteren Quellen verzeichnen die RI sämtliche Nachrichten über die Tätigkeit der fränkischen und römisch-deutschen Könige und Kaiser von der Karolingerzeit bis zum Beginn der Neuzeit (751–1517) sowie der Päpste des frühen und hohen Mittelalters (bis 1198) in chronologisch geordneten Regesten. Obwohl ursprünglich als Vorarbeiten zu einer umfassenden Edition der Königs- und Kaiserurkunden entworfen (siehe folgendes Kapitel), haben sich die RI zu einem eigenständigen Typus der Quellenerschließung entwickelt, der gegenüber Quelleneditionen einen Mehrwert aufweist.

Regestenbände
© Regesta Imperii, Mainz

Regesten streben die Erfassung des gesamten Quellenmaterials an. Daher können sie anders als Editionen, die sich auf einen kleinen Ausschnitt der Überlieferung beschränken müssen, den Geschichtsverlauf und das Handeln der historischen Akteure genauer abbilden. Auch für die Erforschung der Geschichte des Früh- und Hochmittelalters, deren Überlieferung zu größeren Teilen im Druck vorliegt, sind die Regesten von Nutzen, da sie veraltete, den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügende Editionen ergänzen und aktualisieren. Die gewaltige Zunahme von überlieferten Dokumenten der Könige und Kaiser im Spätmittelalter macht Editionen in größerem Umfang unmöglich, weshalb die Regesten hier Quellen erstmalig erschließen.

Diese verschiedenen Funktionen spiegeln sich auch in der Struktur der RI-Bände zum Früh- und Hochmittelalter einerseits und den Regesten zur Geschichte der spätmittelalterlichen Herrscher andererseits wider. Da es für die Geschichte der Kaiser, Könige und Päpste des Früh- und Hochmittelalters in der Regel bereits Editionen der Urkunden und Chroniken gibt, liegt der Schwerpunkt der Regesten hier auf Ergänzungen, Aktualisierungen und dem kritischen Kommentar. Darin werden Fragen der Echtheit und der Datierung sowie Forschungsfragen zur Quelle und dem historischen Sachverhalt erörtert, sodass sich über die Regesten auch größere Forschungskontroversen nachvollziehen lassen. Nicht zuletzt dienen sie für Projekte von der Seminararbeit bis zur Habilitationsschrift als heuristisches Werkzeug, um Quellen, ihre Überlieferung und die maßgeblichen Editionen zu recherchieren.

Die mit den Herrschern des Spätmittelalters befassten Projekte erschließen hingegen zumeist ungedrucktes Quellenmaterial. Die publizierten Vollregesten treten daher an die Stelle von Editionen. Bis einschließlich der Regesten Heinrichs VII. werden außer Urkunden auch historiographische Nachrichten berücksichtigt. Für die Herrscher von Ludwig IV., „dem Bayern“ bis Friedrich III. bilden ausschließlich die von Königen und Kaisern ausgestellten Urkunden und Briefe die Grundlage der Regesten. Das in Graz angesiedelte Projekt „Ausgewählte Regesten des Kaiserreiches unter Maximilian I. 1493–1519“ zieht hingegen wieder alle Schriftquellen – Urkunden, Akten, Kanzlei- und Kammerbücher, historiographische Quellen, diplomatische Korrespondenzen und andere Briefe – heran und publiziert diese in einer Auswahl.

Während die Regesten zum Früh- und Hochmittelalter nach chronologischer Ordnung erarbeitet und publiziert werden, gehen die Spätmittelalterprojekte einen anderen Weg und folgen – mit Ausnahme der Maximilian-Regesten – dem Prinzip der Provenienz. Die publizierten Bände sind deshalb gemäß der regionalen Verteilung der Urkunden und Briefe in Archiven und Bibliotheken geordnet. Da somit nicht die vollständige Erfassung der Überlieferung abgewartet werden muss, können Arbeitsergebnisse, bei den in die Zehntausende gehenden Überlieferungszahlen, zügiger veröffentlicht werden. Der Nachteil, dass ein chronologischer Überblick nur sukzessive möglich wird, wird durch die unmittelbar auf die Drucklegung erfolgende Einspeisung der Regesten in die Online-Datenbank der Regesta Imperii ausgeglichen. 

Die RI liegen in mehr als 100 gedruckten Bänden und seit 2006 auch vollständig online als frei zugängliche und durchsuchbare Volltextdatenbank vor, die zurzeit (Juli 2021) ca. 196.000 Einträge enthält. Das Gesamtprojekt ist in 14 Abteilungen von „I. Die Regesten des Kaiserreichs unter den Karolingern, 751–918 (926/962)“ bis zu „XIV. Ausgewählte Regesten des Kaiserreiches unter Maximilian I., 1493–1519“ gegliedert. Weitere Arbeitsergebnisse des Projekts und von Kooperationspartnern werden als Work in Progress in der Regestendatenbank unter dem Label „RIplus“ und in der Schriftenreihe „Forschungen zur Kaiser und Papstgeschichte des Mittelalters. Beihefte zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii“ veröffentlicht. Zum Online-Angebot gehört zudem der RI OPAC als größte Fachbibliographie zu Geschichte und Kultur des Mittelalters mit mehr als 2,55 Millionen Einträgen.

Aufbau des Projekts

Die RI sind ein internationales Großprojekt geschichtswissenschaftlicher Grundlagenforschung mit inhaltlich und organisatorisch europäischem Zuschnitt. Trägerinstitutionen sind die Deutsche Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii e.V. bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, die Regesta Imperii Wien an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, zu der auch eine Arbeitsstelle an der Masaryk-Universität Brünn (CZ) gehört, und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.

Die in Deutschland angesiedelten Teile des Projekts werden im Rahmen des Akademienprogramms gefördert und verteilen sich auf acht Arbeitsstellen in Berlin, Bochum, Erlangen, Mainz, Marburg, München, Saarbrücken und Tübingen. Aktuell werden dort die folgenden Regesten bearbeitet:

Die laufenden Projekte der Regesta Imperii Wien sind:

Über den Fortschritt der Arbeiten wird jährlich in der Zeitschrift der Monumenta Germaniae Historica, dem Deutschen Archiv für Erforschung des Mittelalters, berichtet.

Zitiervorschlag
Steffen Krieb: Die Regesta Imperii – Quellen zur Reichsgeschichte von Karl dem Großen bis Maximilian I. in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einführung (2021). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/krieb-02