Vergleichende Geschichte

von Martin Kaufhold (Augsburg)

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Text: Transkription von Filmaufnahmen

Die vergleichende Geschichtswissenschaft prüft unterschiedliche historische Entwicklungen auf charakteristische Ähnlichkeiten, um die jeweils wirkenden Kräfte angemessen zu gewichten.

Weltkarte mit Jerusalem im Zentrum (British Library London: Additional Ms. 28681 fol. 9 r.)

Wenn wir die Entwicklung von Gesellschaften, von Nationen, aber auch von Regionen oder Städten jeweils als isolierte Größen betrachten, können uns wichtige Gemeinsamkeiten entgehen, die auf übergeordnete Herausforderungen hinweisen.



Getrennte Nationalgeschichte(n)

 So lassen sich die Geschichten von England und dem Reich (d.h. Deutschland und Italien) im Übergang vom hohen zum späten Mittelalter (12./13.Jh) als getrennte Nationalgeschichten betrachten, die wenig miteinander gemeinsam haben. Für diese nationale Perspektive gibt es viele Beispiele, denn beide Königreiche unterschieden sich in vielen Aspekten. Die englische Geschichte, mit einem erblichen Königtum, der Hauptstadt London und dem Parlament seit dem 13. Jahrhundert, nahm ein anderen Verlauf als die Geschichte des Reiches ohne Hauptstadt und Parlament mit einem Wahlkönigtum und wechselnden Dynastien.

Vergleichende Perspektive

Aber eine vergleichende Perspektive zeigt in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zwei mächtige Herrscher, die beide sehr lange regieren (über 40 Jahre), und deren Reiche jeweils eine enorme Erstreckung haben: Die Herrschaft Heinrichs II. von England reichte von der Südgrenze Schottlands bis zu den Pyrenäen. Sie war kein geschlossener Verband. Die Landverbindung wurde durch das Meer unterbrochen, und die Menschen in den verschiedenen Teilen dieses Reiches lebten nach sehr unterschiedlichen Regeln und mit unterschiedlichen Rechten, Sitten und Gebräuchen. Zur selben Zeit regierte Friedrich Barbarossa das römische Reich, das aus Deutschland, Italien und Burgund bestand. Auch dieses Reich bestand aus deutlich voneinander abgesetzten Teilen. Nicht nur die einzelnen Länder in Deutschland unterschieden sich in ihren Kulturen. Die Alpen trennten Deutschland und Italien, deren Lebensweisen sehr verschieden waren.

In einer vergleichenden Perspektive zeigen sich hier zwei Herrschaftsordnungen, in denen zwei Könige über längere Zeit eine sehr ambitionierte Politik mit den Mitteln des Rechts betrieben. Beide versuchten, in den verschiedenen Teilen ihrer Reiche präsent zu sein, oder ihren Machtanspruch durch wirkungsvolle Vertretung zu behaupten und eine Grundlage für ihre Nachfolger zu legen. Darin waren sie beide nicht erfolgreich. In beiden Fällen mussten ihre Nachfolger gut 10 Jahre nach ihrem Tod eine Entscheidung für einen Teil des großen Reiches treffen. Nach dem Tod des englischen Königs gelang es dem französischen König, die Festlandsbesitzungen Heinrichs II. zu erobern. Damit endete die Präsenz der englischen Könige in Frankreich. Seit ca. 1200 konzentrierten sich die englischen Könige auf die Insel. Auf diese Weise wurde die englische Krone zu einer nationalen Kraft. Dennoch gaben die englischen Könige die Verbindung nach Frankreich nicht auf (vgl.den Hundertjährigen Krieg im 14. und 15. Jh.), immerhin lag hier der Ursprung des englischen Königtums von 1066, dessen erste Vertreter als normannische Herzöge über den Kanal gezogen waren, um die Insel zu erobern.

Die Nachfolger Friedrich Barbarossas im Reich konzentrierten sich zunächst auf Italien, nach dem Ende der Staufer 1250 dann immer mehr auf den deutschen Reichsteil. Kein deutscher Herrscher nach Barbarossa vermochte eine vergleichbare Präsenz in Deutschland und Italien aufrecht zu erhalten. Den Anspruch auf die Kaiserkrone und die Kaiserkrönung in Rom behielten sie indes bis zum Ende des Mittelalters aufrecht.

Der Vergleich macht übergeordnete Ursachen erkennbar

Für die englischen und für die deutsche Entwicklungen gibt es eine Reihe von individuellen Gründen, die etwa in den Entscheidungen, auch den Fehlentscheidungen der jeweiligen Könige oder schlicht in dem dynastischen Schicksal begründet liegen. Etwa in der mangelnden militärischen Begabung König Johann Ohnelands oder in der Kindheit Friedrichs II. in Sizilien. Aber in einer übergeordneten, vergleichenden Perspektive fügen sich diese verschiedenen Ursachen in ein Bild, in dem zwei ambitionierte und charismatische Herrscher am Ende des hohen Mittelalters an die Grenzen der Regierbarkeit weit erstreckter, heterogener Reiche gelangten. Der Anspruch an eine wirkungsvolle Herrschaft ließ sich mit den einfachen Mitteln der Zeit in so komplexen Herrschaften nicht mehr umsetzen. Um 1200 lag eine Grenze, jenseits derer die Herrschaftsordnungen der verschiedenen Königreiche Europas verbindlichere und unterschiedliche Formen annahmen.

Die vergleichende Geschichtswissenschaft geht nicht von der Annahme aus, alles verliefe nach einem ähnlichen Muster. Sie nimmt vielmehr an, dass die historischen Kräfte grundsätzlich vergleichbar sind, und dass ähnlich aufgestellte Akteure oder Formationen in ähnlichen Zeiten vor vergleichbare Herausforderungen gestellt werden. Erst der Vergleich zeigt die unterschiedlichen Reaktionen – und damit die vielen Differenzen – in aller Klarheit. Darin liegt sein wissenschaftlicher Wert.

Zitiervorschlag
Martin Kaufhold: Vergleichende Geschichte, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einführung (2020). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/kaufhold-01