Quellenerschließung2. Die "Deutschen Reichstagsakten" (RTA)Die „Deutschen Reichstagsakten“: Editorische Ausgestaltung

Die „Deutschen Reichstagsakten“: Editorische Ausgestaltung

von Gabriele Annas (Frankfurt)

Lesezeit: ca. 10 Minuten

Eine allgemeingültige „Anleitung“ zur Edition der „Deutschen Reichstagsakten“ kann nicht vorgegeben werden, soll das Projekt in eine dynamische Forschungslandschaft eingebunden bleiben. Dies hat die langjährige Geschichte des Editionsunternehmens eindrücklich gezeigt. Die Lösung editorischer Probleme obliegt letztlich der wissenschaftlichen Verantwortung der BearbeiterInnen, die immer wieder individuelle, der jeweiligen Forschungslage angemessene Entscheidungen treffen müssen. Jedes Quellenstück bedeutet in diesem Sinne eine wissenschaftliche Herausforderung.

Breites Spektrum editorischer Präsentationsformen

Grundsätzlich kann sich die Arbeit an den „Deutschen Reichstagsakten“ auf ein breitgefächertes Spektrum editorischer Präsentationsformen stützen. Diese orientieren sich an der potentiellen Wertigkeit und reichstagsgeschichtlichen Relevanz der einzelnen Aktenstücke – im Sinne einer hierarchisch gedachten Darstellungsweise zwischen Ausfaltung und Raffung des Stoffs. Zu unterscheiden ist dabei allgemein zwischen Voll- und Teildruck, kurzer oder ausführlicher Regestierung, Aktenreferat und darstellendem Bericht mit breiten Quellenzitationen. In welchem Umfang und in welcher konkreten Form die zuvor ausgewählten Quellen im Rahmen der „Deutschen Reichstagsakten“ präsentiert werden, liegt – nach sorgfältiger Überprüfung und in enger Rückbindung an den jeweiligen Forschungsstand – letztlich im Ermessen des Editors. Gleichwohl wird insgesamt der Volldruck als umfangreichste Form der Präsentation bevorzugt. Nur auf diese Weise kann das Editionsunternehmen auch für zukünftige wissenschaftliche Fragestellungen offenbleiben.

„Der Akteneditor“ – so Erich Meuthen – „ist auch gestalterisch wesentlich freier als der Herausgeber einer seriellen Quelle, soweit dieser übereinkunftgemäß keine Ausschau nach ergänzenden Quellen anderer Art hält. Wie es vielerlei Quellen gibt, darf der Akteneditor sie denn wohl auch in vielerlei Weise präsentieren […].“ Mit Blick auf die „Deutschen Reichstagsakten“ hat darüber hinaus Hermann Heimpel auf den Umstand hingewiesen, dass „nicht die Methode des Unternehmens [subjektiv ist], sondern das Unternehmen selbst, weil es an einem sachlichen Thema orientiert ist, eben an Reichstagen und Reichspolitik des 15. Jahrhunderts“.

Edition als „Serviceleistung“

Mit einer wissenschaftlichen Edition verbinden sich maßgebliche „Serviceleistungen“: Durch die Edition werden archivalische Schriftstücke für eine potentielle Benutzung erschlossen und zugleich – als integraler Bestandteil dieser Serviceleistungen – „aufgeschlossen“. Dies unterscheidet eine historisch-kritische Quellenedition maßgeblich von einem einfachen Quellenabdruck oder einem online zur Verfügung gestellten Digitalisat, auch wenn dabei die betreffenden archivalischen Rahmendaten (Aufbewahrungsort mit Signatur, äußere Beschreibung, Datierung, knappe Inhaltsangabe) aufgeführt werden.

Ein idealtypisch ediertes Schriftstück

Schreiben des Enea Silvio Piccolomini an Heinrich Senftleben (1455 Januar 24) - mit editorischen Hinweisen. Aus: Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Friedrich III., 5. Abteilung, 3. Teil. Reichsversammlung zu Wiener Neustadt 1455, bearb. von Gabriele Annas (Deutsche Reichstagsakten Ältere Reihe 19/III), München 2013, S. 87.
© Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Ein im Rahmen der Älteren Reihe der „Deutschen Reichstagsakten“ im Volldruck ediertes Schriftstück wird – idealtypisch – in folgender Form präsentiert:

A. Allgemeine editorische Angaben

1) Ausführliches Kopfregest bzw. – bei längeren Texten – gegliederte Inhaltsangabe.

2) Dokumentation der handschriftlichen Überlieferungen – mit jeweils genaueren Angaben zum gegenwärtigen Aufbewahrungsort, zur Signatur (einschließlich Folio- bzw. Blattangaben), zur Überlieferungsform (Original, Abschrift) sowie zur Datierung (bei kopialer Überlieferung – sofern möglich).

3) Angaben – sofern vorhanden – zu älteren Drucken und gedruckten Regesten.

4) Hinweise auf Erwähnungen des betreffenden Schriftstücks in der Literatur.

B. Textedition
Die Textedition enthält den Text des betreffenden Schriftstücks – in Verbindung

1) mit dem Variantenapparat, der nicht nur Varianten der textlichen Gestalt – im Abgleich mit anderen Überlieferungen – verzeichnet, sondern auch Hinweise auf Kürzungen, Streichungen, ausgefallene Textpassagen etc.

2) mit dem Sachapparat, der nähere Informationen zu den im Text erwähnten Personen und historischen Sachverhalten enthält.

Den einzelnen Kapiteln werden darüber hinaus einleitende Ausführungen vorangestellt, welche die ausgewählten Aktenstücke in einen größeren thematischen Zusammenhang einordnen und – bei Bedarf – nähere Erläuterungen zu spezifischen Überlieferungssituationen und Datierungsfragen geben.

Richtlinien zur Transkription

Als eine historisch-kritische Quellenedition können sich die „Deutschen Reichstagsakten“ bei der Dokumentation der Texte (leider) nicht primär an sprachwissenschaftlichen Kriterien orientieren. Ebenso wie die Editionsrichtlinien haben sich in der langen Geschichte des Editionsunternehmens dabei auch die Regeln zur Transkription der in verschiedenen europäischen Sprachen verfassten Schriftstücke gewandelt. Mit Blick auf ein besseres Textverständnis hatten noch die älteren Bände verschiedene orthographische „Normalisierungen“ vor allem bei auftretenden Doppelkonsonanten vorgenommen, die sich an heutigen Schreibweisen orientierten: z.B. bei uff (auf) = ufbischoff = bischof, wurdenn = wurden, aber auch bei das (Konjunktion) = dass.

Die gegenwärtige Editionsarbeit ist demgegenüber einer weitestgehend orthographiegetreuen Wiedergabe der Vorlagen verpflichtet. In diesem Zusammenhang werden nur wenige normalisierende Eingriffe vorgenommen, die vor allem die Lesbarkeit der Texte erleichtern sollen. So werden die uneinheitlichen Schreibweisen von /i/ und /j/ sowie /u/ und /v/ gemäß dem jeweiligen Lautwert normalisiert. Durchgängig großgeschrieben werden Personen-, Territorial- und Ortsnamen, bei Satzanfängen – mit Ausnahme von Absätzen – erfolgt hingegen Kleinschreibung. Die Interpunktion wird den heute geläufigen Regeln angepasst. Die Auflösung der Abbreviaturen geschieht auf der Grundlage der allgemeinen Transkriptionsregeln (vgl. Adriano Cappelli, Lexicon abbreviaturarum. Wörterbuch lateinischer und italienischer Abkürzungen […], Zweite verbesserte Auflage Leipzig 1928).

Liste der bislang erschienenen Bände der Älteren Reihe der „Deutschen Reichstagsakten“ (1376-1485)

1.

Deutsche Reichstagsakten unter König Wenzel, 1. Abtheilung. 1376-1387, hg. von Julius Weizsäcker (Deutsche Reichstagsakten 1), München 1867 (ND Göttingen 1956). – 2. Abtheilung. 1388-1397, hg. von Julius Weizsäcker (Deutsche Reichstagsakten 2), München 1874 (ND Göttingen 1956). – 3. Abtheilung. 1397-1400, hg. von Julius Weizsäcker (Deutsche Reichstagsakten 3), München 1877 (ND Göttingen 1956).

2.

Deutsche Reichstagsakten unter König Ruprecht, 1. Abtheilung. 1400-1401, hg. von Julius Weizsäcker (Deutsche Reichstagsakten 4), Gotha 1882 (ND Göttingen 1956). – 2. Abtheilung. 1401-1405, hg. von Julius Weizsäcker (Deutsche Reichstagsakten 5), Gotha 1885 (ND Göttingen 1956). – 3. Abtheilung. 1406-1410, hg. von Julius Weizsäcker (Deutsche Reichstagsakten 6), Gotha 1888 (ND Göttingen 1956).

3.

Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Sigmund, 1. Abtheilung. 1410-1420, hg. von Dietrich Kerler (Deutsche Reichstagsakten 7), München 1878 (ND Göttingen 1956). – 2. Abtheilung. 1421-1426, hg. von Dietrich Kerler (Deutsche Reichstagsakten 8), Gotha 1883 (ND Göttingen 1956). – 3. Abtheilung. 1427-1431, hg. von Dietrich Kerler (Deutsche Reichstagsakten 9), Gotha 1887 (ND Göttingen 1956). – 4. Abteilung. 1431-1433, hg. von Hermann Herre (Deutsche Reichstagsakten 10), Gotha 1906 (ND Göttingen 1957). – 5. Abteilung. 1433-1435, hg. von Gustav Beckmann (Deutsche Reichstagsakten 11), Gotha 1898 (ND Göttingen 1957). – 6. Abteilung. 1435-1437, hg. von Gustav Beckmann (Deutsche Reichstagsakten 12), Gotha 1901 (ND Göttingen 1957).

4.

Deutsche Reichstagsakten unter König Albrecht II., 1. Abteilung. 1438, hg. von Gustav Beckmann (Deutsche Reichstagsakten 13), Stuttgart/Gotha 1925 (ND Göttingen 1957). – 2. Abteilung. 1439, hg. von Helmut Weigel (Deutsche Reichstagsakten 14), Stuttgart 1935 (ND Göttingen 1957).

5.

Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Friedrich III., 1. Abteilung. 1440-1441, hg. von Hermann Herre (Deutsche Reichstagsakten 15), Gotha 1914 (ND Göttingen 1957). – 2. Abteilung. 1441-1442, 1. Hälfte, hg. von Hermann Herre (1921), 2. Hälfte, bearb. von Hermann Herre, hg. von Ludwig Quidde (Deutsche Reichstagsakten 16), Stuttgart/Gotha 1928 (ND Göttingen 1957). – 3. Abteilung. 1442-1445, hg. von Walter Kaemmerer (Deutsche Reichstagsakten 17), Göttingen 1963. – 5. Abteilung, 1. Hälfte. 1453-1454, hg. von Helmut Weigel/Henny Grüneisen (Deutsche Reichstagsakten 19/I), Göttingen 1969. – 5. Abteilung, 2. Teil. Reichsversammlung zu Frankfurt 1454, bearb. von Johannes Helmrath (Deutsche Reichstagsakten Ältere Reihe 19/II), München 2013. – 5. Abteilung, 3. Teil. Reichsversammlung zu Wiener Neustadt 1455, bearb. von Gabriele Annas (Deutsche Reichstagsakten Ältere Reihe 19/III), München 2013. – 8. Abteilung, 1. Hälfte. 1468-1470, hg. von Ingeborg Most-Kolbe (Deutsche Reichstagsakten 22/I), Göttingen 1973. – 8. Abteilung, 2. Hälfte. 1471, hg. von Helmut Wolff (Deutsche Reichstagsakten 22/II), Göttingen 1999. – 8. Abteilung. 1468-1471. Verzeichnisse und Register, bearb. von Gabriele Annas/Helmut Wolff (Deutsche Reichstagsakten 22/Register), Göttingen 2001.

Liste der bislang erschienenen Bände der Mittleren Reihe der „Deutschen Reichstagsakten“ (1486-1519)

1.

Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 1: Reichstag zu Frankfurt 1486, bearb. von Heinz Angermeier unter Mitwirkung von Reinhard Seyboth, 2 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 1/I-II), Göttingen 1989.

2.

Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 2: Reichstag zu Nürnberg 1487, bearb. von Reinhard Seyboth, 2 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 2/1-2), Göttingen 2001.

3.

Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 3: 1488-1490, bearb. von Ernst Bock, 2 Halbbände (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 3/I-II), Göttingen 1972/73.

4.

Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 4: Reichsversammlungen 1491-1493, bearb. von Reinhard Seyboth, 2 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 4/1-2), München 2008.

5.

Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 5: Reichstag von Worms 1495, bearb. von Heinz Angermeier, 2 Bände (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 5/I-II), Göttingen 1981.

6.

Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 6: Reichstage von Lindau, Worms und Freiburg 1496-1498, bearb. von Heinz Gollwitzer (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 6), Göttingen 1979.

7.

Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 8: Der Reichstag zu Köln 1505, bearb. von Dietmar Heil, 2 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 8/1-2), München 2008.

8.

Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 9: Der Reichstag zu Konstanz 1507, bearb. von Dietmar Heil, 2 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 9/1-2), München 2014 (Online-Fassung).

9.

Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 10: Der Reichstag zu Worms 1509, bearb. von Dietmar Heil (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 10), Berlin/Boston 2017 (Online-Fassung).

10.

Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 11: Die Reichstage zu Augsburg 1510 und Trier/Köln 1512, bearb. von Reinhard Seyboth, 3 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 11/1-3), Berlin/Boston 2017 (Online-Fassung).

Zitiervorschlag
Gabriele Annas: Die „Deutschen Reichstagsakten“: Editorische Ausgestaltung, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einführung (2021). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/annas-05