SCHRIFTTRÄGER

Während des Mittelalters etablierte sich in Europa die Verwendung der drei wichtigsten Schriftträger der
abendländischen Geschichte : Papyrus, Pergament und Papier.

Papyrus: Pflanzliches Material

Papyrusstauden
Fragmente einer päpstlichen Papyrusurkunde
Schrift lässt sich grundsätzlich auf sehr vielen Unterlagen anbringen: auf Stein, auf Metall, auf Tischen, Bänken und Wänden - man denke nur an die antiken oder modernen Graffiti. Die wichtigsten Schriftträger der abendländischen Geschichte jedoch sind jedoch nur drei: Papyrus, Pergament und Papier. Der älteste dieser Stoffe ist Papyrus, ein pflanzliches Material, das aus den stark faserigen Stengeln der nahezu ausschließlich in Ägypten wachsenden Papyrusstaude gewonnen wurde. Das Mark dieser Stängel schnitt man in hauchdünne Streifen, legte sie nebeneinander und bedeckte sie mit einer zweiten, rechtwinklig zur ersten verlaufenden Schicht. Anschließend presste man die Lagen fest aufeinander; der dabei austretende Pflanzensaft verband beide Schichten zu einem Blatt, das dann getrocknet, noch einmal geglättet und mit einem dünnen Leim bestrichen wurde. Das so hergestellte Schreibmaterial war von Natur aus sehr hell und hat eine charakteristische netzartige Struktur; die Einzelblätter konnten je nach Bedarf zu Rollen (Rotuli) von beliebiger Länge zusammengeklebt werden.

Erbe der Antike: Papyrus im Früh- und Hochmittelalter

Papyrus war der beherrschende Schriftträger der Antike. Es kam ihm aber auch im Mittelalter eine wichtige Stellung zu, insbesondere was Urkunden angeht. Die merowingischen Könige etwa verwendeten den Stoff für ihre Urkunden bis in die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts, die päpstliche Kanzlei sogar bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts. So wurde die letzte uns bekannte päpstliche Papyrus-Urkunde im Jahre 1057 ausgestellt. Im südlichen Italien verwendete man das Material sogar noch länger, bis ins 12. Jahrhundert hinein.
Das Hessische Staatsarchiv Marburg ist neben dem Münsteraner Staatsarchiv das einzige in Deutschland, das mittelalterliche Papyrusurkunden besitzt. In Münster befindet sich eine Urkunde Papst Stephans V. von 891, in Marburg ein Fragment wohl Papst Johannes XIII. von 968, außerdem aber eine römische Privaturkunde aus etwa derselben Zeit, der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Papyrus ist ein empfindliches, leicht vergängliches Material, das sich besonders im feuchten mitteleuropäischen Klima schlecht erhielt. Die Marburger Beispiele zeigen uns das deutlich, erinnern uns jedoch gleichzeitig daran, dass Papyrus eben nicht nur in der Antike eine hohe Bedeutung besaß, sondern bis ins hohe Mittelalter hinein, auch wenn heute nur wenige Zeugnisse dafür überliefert sind.

Pergament: Schriftträger aus Tierhaut

Pergament ist der Beschreibstoff, der den Papyrus in einem sehr langgestreckten Prozess ablöste. Bereits im 2. nachchristlichen Jahrhundert wurde Pergament für literarische und religiöse Texte verwendet, und er gewann zwischen dem 2. und dem 4. Jahrhundert allmählich die Übermacht gegenüber dem älteren Stoff. Sehr viel langsamer noch verlief die Entwicklung im Urkundenwesen. Seit 677 verwendeten die Merowingerherrscher nachweislich Pergament, viel später erst, im Jahre 1005, begann der Umstellungsprozess in der päpstlichen Kanzlei, der dann rund ein halbes Jahrhundert in Anspruch nehmen sollte. Insgesamt dauerte der Ablösungsvorgang vom Papyrus zum Pergament in Europa nahezu ein Jahrtausend von den Anfängen im 2. Jahrhundert bis zu den letzten Nachzüglern im 12. Jahrhundert.

Pergamentherstellung

Pergament ist ein Material, das in einem mehrere Wochen langen Prozess aus der Haut von Tieren hergestellt wird und sehr haltbar, strapazierfähig und unempfindlich gegen Nässe, Trockenheit, Hitze und Kälte ist. Anders als Papyrus musste Pergament keine weiten Transportwege durchlaufen. Zwar war die Herstellung aufwendig, der Rohstoff aber war nahezu überall verfügbar. Das Material konnte daher dezentral und je nach Bedarf in großeren oder kleineren Mengen hergestellt werden. Pergament ist somit der charakteristische Beschreibstoff einer agrarisch bestimmten Gesellschaft mit gering entwickelter Schriftlichkeit. Man unterscheidet sogenanntes südliches Pergament, in dem nur die Fleischseite der Haut bearbeitet und die Haarseite gröber belassen wurde, von nördlichem Pergament, das sich dadurch auszeichnet, dass Haar- und Fleischseite annähernd gleich sorgfältig zum Beschreiben hergerichtet sind.

Pergamentgebrauch

Die Ausdehnung einer Tierhaut ist begrenzt, zudem ist die Qualität der Haut nicht gleichmäßig. Höchste Qualität, die zum Beispiel für Bibeln und liturgische Handschriften, aber auch für repräsentative Urkunden notwendig war, lieferte nur das zentrale Mittelstück der Haut. Zu den Extremitäten hin fällt die Qualität dagegen stark ab. Papyrusblätter wurden zusammengeleimt, wollte man eine größere Schreibfläche erzielen. Das aber ist bei Pergament nicht möglich. Pergament wurde daher entweder zu gleich großen Blättern geschnitten und dann zu Codices gebunden, oder es wurden Pergamentstücke zu Rotuli zusammengenäht. Was bei der Herstellung von Büchern oder kostbaren Urkunden abfiel, fand häufig für weniger wichtige, alltägliche Zwecke Verwendung, wie zum Beispiel für Gebrauchshandschriften, Rechnungen und Privaturkunden.
Pergamenturkunde (Hess. Staatsarchiv Marburg)
Pergamentherstellung (Staatsbib. Bamberg)
Zuschnitt von Pergament (Staatsbib. Bamberg)

Papier: Ein neuer Massenbeschreibstoff

Papierherstellung (Germ. Nationalmuseum)
Auf Papier gedruckte Gutenbergbibel (New York Public Library)
Im Laufe des hohen und späten Mittelalters wurde das Pergament als beherrschender Schriftträger allmählich von einem neuen Massenbeschreibstoff, dem Papier, verdrängt. Die Technik der Papierherstellung wurde in China entwickelt und erreichte um die Mitte des 8. Jahrhunderts den Vorderen Orient. Durch die Araber verbreitete sie sich im 10. Jahrhundert in Syrien und Ägypten, und gelangte über Nordafrika und Sizilien im 12. Jahrhundert auf die Iberische Halbinsel. Der eigentliche Siegeszug des Papiers setzte jedoch erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts von Italien ausgehend ein.
Der Ausgangsstoff der Papierherstellung waren Lumpen vor allem aus Leinen und Hanf, die mit Wasser vermischt zu Brei zerstampft wurden; aus dem Brei schöpfte man mit Schöpfsieben dünne Faserschichten, trocknete und glättete sie - so entstanden Papierbögen. Technische Neuerungen, wie die Verwendung von Draht für die Siebe, und die Erfindung des Wasserzeichens trugen zum Erfolg der italienischen Papierproduktion entscheidend bei. In anderen europäischen Regionen begann die Herstellung erst viel später, so im frühen 14. Jahrhundert in Frankreich und gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Deutschland.

Voraussetzung des Buchdrucks

Die ältesten Beispiele für Verwendung von Papier finden wir in Sizilien im frühen 12. Jahrhundert. Für Urkunden wurde aber noch lange Zeit Pergament vorgezogen, weil es dauerhafter und weniger empfindlich war. Papier verwendete man dagegen schnell und in großem Ausmaß für andere Schriftstücke, so vor allem für Akten, Rechnungen, Protokolle und Register, Briefe und Notizen. Die Verbreitung des Papiers, das sich vorteilhaft in großen Mengen und dann wesentlich billiger und einfacher als Pergament herstellen ließ, hatte tiefgreifende Konsequenzen für das gesamte Schrift- und Buchwesen. Die Handschriftenproduktion steigerte sich enorm und Bücherbesitz wurde nunmehr für ein breiteres Publikum möglich. Vor allem aber wäre der schnelle und durchschlagende Erfolg des Buchdrucks ohne den neuen Massenbeschreibstoff nicht denkbar gewesen.

Wachstafeln: Notizbuch des Mittelalters

Durch alle Zeiten hindurch und auch im Mittelalter spielten auch Wachstafeln ein wichtige Rolle, also mit Bienenwachs ausgegossene Holztäfelchen, in denen man mit einem Griffel Aufzeichnungen machen, diese leicht auch wieder löschen und die Fläche neu beschreiben konnte. Solche Tafeln hatten eine Art Notizbuchfunktion, waren alltäglicher Gebrauchsgegenstand, haben sich aber aufgrund des vergänglichen Materials nur selten erhalten. Ganz ähnlichen Zwecken dienten Schiefertafeln. Wie die Wachstafeln ließen sie sich leicht beschreiben und nach dem Löschen der Schrift immer wieder neu verwenden, waren jedoch für dauerhafte Aufzeichnungen weniger geeignet.

Text: Irmgard Fees
Schreibtafeln (Hess. Staatsarchiv Marburg)


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