DIE URKUNDENEDITIONEN DER MGH

Im Rahmen der Monumenta Germaniae Historica werden nicht nur historiographische Quellen ediert,
sondern in der sogenannten Reihe der Diplomata auch die Urkunden, vornehmlich der römisch-deutschen
Kaiser und Könige.

Diplomata

Urkunde Heinrichs III. (Hauptstaatsarchiv München)
Im Rahmen der Monumenta Germaniae Historica werden nicht nur historiographische Quellen ediert, sondern in der sogenannten Reihe der Diplomata auch die Urkunden, vornehmlich der römisch-deutschen Kaiser und Könige. Das ist ein Unternehmen, das von Anfang an im Programm der Monumenta Germaniae Historica verankert war, wenngleich die ersten großen Ausgaben erst in den 1860er und 1870er Jahren erschienen.

Diplomatische Kritik

Die Herrscherurkunden sind ein besonderes Feld. Anders als bei der Historiographie haben wir hier nicht nur mit der Überlieferung und ihren Problemen zu rechnen, sondern auch mit Fälschungen. Je älter und prominenter ein Kaiser oder König ist, desto höher ist die Fäschungsquote. Von daher haben wir in der Editionstätigkeit der Diplomata Probleme, die wir in anderen Abteilungen so nicht haben. Wir müssen bei jedem Stück nicht nur die heuristische Basis sichern, also aus Archiven und Bibliotheken die einzelnen Überlieferungen zusammentragen, sondern diese Texte auch noch einer diplomatischen Kritik unterziehen. Diese Kritik hat ihre eigene Tradition. Sie geht vor allen Dingen zurück auf Jean Mabillon, dann auf Theodor Sickel, der als einer der ersten Editoren mit einer Ausgabe der Ottonenurkunden wissenschaftliche Standards gesetzt hat .
Gefälschte Urkunde (Hauptstaatsarchiv München)

Original

Urkunde Heinrichs III. (Hauptstaatsarchiv München)
Wenn Sie ein Original behandeln, können Sie das volle Instrumentarium diplomatischer Forschung einsetzen. Sie können das Pergament untersuchen. Sie können die Art der Faltung untersuchen und die Linierung betrachten, die angelegt wurde, um das Dokument in seinem feierlichen Layout aufs Pergament zu bringen. Sie können die Schrift untersuchen. Das geht soweit, dass wir mit kriminalistischen Methoden einzelne Schreiber festmachen, um festzustellen, ob sie zur Kanzlei, ob sie zum Umfeld des entsprechenden Kaisers oder Königs gehören. Wir können die Schriftzeichen untersuchen, das Chrismon am Anfang, das Monogramm des Kaisers oder Königs im Eschatokoll. Wir können das Subskriptionszeichen untersuchen, den sogenannten Bienenkorb, wir können das Siegel des Herrschers untersuchen. All das geht aber nur, wenn wir ein Original vor uns liegen haben.

Abschrift

In Deutschland haben wir in der Regel 50% der Stücke als Originale. In Frankreich durch die Französische Revolution ein Großteil der Archive zerstört worden, so dass wir dort nur wenige Originale haben. In der Regel haben wir aber nur Abschriften der Urkunden. In diesen sind allenfalls einzelne Merkmale wiedergegeben. In unserem Beispiel wurde das Monogramm Kaiser Ludwigs des Frommen abgemalt. Zudem finden sich Anpassungen der Latinität, Veränderungen der Ortsnamen oder Manipulationen durch den Abschreiber. Hier ist der Kritik ein weites Arbeitsfeld eröffnet. Wir kommen nur weiter, wenn wir uns an den Originalurkunden einen festen Kanon von Merkmalen der Echtheit bilden und auf nur kopial überlieferte Stücke übertragen. Es unterscheidet die diplomatische Edition grundlegend von den Editionen etwa historiographischer Texte, dass wir diesen großen Teil der diplomatischen Kritik vorschalten müssen, bevor wir durch Kollationierung den Text herstellen und kommentieren können.
Kopial überlieferte Urkunden (Hauptstaatsarchiv München)

Von der Überlieferung zur Edition

Urkundenedition
Der Weg von der Überlieferung zur Edition ist lang. Wir suchen die verschiedenen Überlieferungsträger mit sehr viel Aufwand in den verschiedensten Archiven und Bibliotheken. Wir stellen die Überlieferung zusammen, wir unterziehen dann die einzelnen Überlieferungsträger einer genauen Kritik, ob Original oder nicht Original. Wir klopfen jeden einzelnen Text ab, ob er kanzleigemäß ist oder nicht, und wir sichern so den Bestand. Es ist ein langer Weg, auf dem wir die Überlieferung zusammengestellt haben, auf dem wir dann all das, was wir an Ergebnissen im Zuge unserer Kritik erarbeitet haben in kurzen Worten in die Vorworte zu den einzelnen Stücken aufnehmen. Wir geben genau an, nach welchen Kriterien die Echtheit oder Unechtheit der Stücke bewertet wurde. Wir versuchen die Stücke zu kommentieren. Wir versuchen die Orte zu identifizieren. Wir geben alle notwendigen Informationen, damit der Zugriff auf diese kostbaren Materialien für den Normalbenutzer nicht mehr nötig ist. Wir müssen in hunderte von Archiven und Bibliotheken, der Benutzer hat es dann leicht, er kann unsere Editionen entweder am Bücherregal oder bei den DMGH am heimischen Bildschirm bearbeiten.

Text: Mark Mersiowsky


Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion