Quellengattung: Klosterregeln

Regula St. Benedicti, Diözesanarchiv Augsburg, Cod. 233, fol.1 recto
Klosterregeln
Bei der als Beispiel abgebildeten Handschriftenauszug handelt es sich um den Beginn des Epilogs der Regula Benedikti (Benediktsregel). Diese geht auf Benedikt von Nursia zurück, der zunächst als Eremit lebte und 529 das Kloster Monte Cassino gründete. Die aus dieser Klostergründung erwachsene Regel der Benediktiner bildete in der lateinischen Christenheit über viele Jahrhunderte hinweg eine vorbildliche Regel für neu entstehende Klostergemeinschaften.
Die Regula Benedicti (dt. Volltext) besteht aus einem Prolog, 73 Kapiteln und einem Epilog.
Inhaltlich regelt sie den Lebenswandel, Rechte und Pflichten sowie die Rangordnung der Mönche untereinander und sichert die geordnete Verwaltung des Klosters. Durch den von der Regel bestimmten Wechselrythmus zwischen geistiger und körperlicher Arbeit erwuchsen ökonomische Unabhängigkeit und damit einhergehend die Möglichkeit zur regelmäßigen Abschrift von Texten. Klöster, wie die ehemalige Benediktinerabtei des Klosters St. Gallen, entwickeln sich so zu Trägern der abendländischen Kultur, durch deren Wirken uns eine Vielzahl von Handschriften überliefert ist.
Wurde die Regel der Benediktiner noch durch Karl den Großen als verbindliche Lebensnorm aller Klostergemeinschaften festgelegt, so strebten die Klöster bereits im Laufe des Investiturstreits nach mehr Unabhängigkeit. Damit einher ging auch eine Veränderung in der Auslegung der Benediktsregel, die den Schwerpunkt mehr auf geistliche Tätigkeiten denn auf handwerkliche Praxis legte.
Bei der wissenschaftlichen Auswertung von Quellentexten muss auch im Falle jahrhundertelanger inhaltlicher Kontinuität, mit einer Variabilität der zeitgenössischen Textrezeption gerechnet werden.
Die abgebildete Handschrift zeugt aber auch von den Kräften des Wandels, denen Textüberlieferung unterworfen sein kann. Im 577 wurde das Kloster Monte Cassino geplündert. Gerettet werden konnte die älteste Benediktsregel, von der Karl der Große zahlreiche Abschriften anfertigen ließ. Von dieser Überlieferungslinie, dem sog. textus purus stammen die ältesten uns überlieferten Abschriften der Regel, wie sie beispielsweise der Codex 914 der Stiftsbibliothek in St. Gallen enthält. Erst im 19. Jh. erkannte man, neben dem textus purus eine zweite Überlieferungslinie, die hier in unserem Beispiel bezeugt ist. Vergleichen sie die Handschriften. Sie ist beispielsweise an der veränderten Abschnittsinitiale 'A' erkennbar. Der Wissenschaftler hat es oftmals mit verschiedenen Überlieferungslinien zu tun, die bei der Bearbeitung kritisch miteinander verglichen werden müssen.