Torarollen


von Annett Martini (Berlin)

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Eine Torarolle bzw. ein „Sefer Torah“ beinhaltet ausschließlich den unvokalisierten Text der fĂŒnf BĂŒcher Mose und ist der zentrale Kultgegenstand im synagogalen Gottesdienst. Sie besteht aus bis zu etwa 90 zusammengenĂ€hten Pergamentbögen, die beidseitig auf mit Griffen und Holzscheiben versehenen Holzstangen aufgerollt sind.

Magdeburger Torarolle aus dem 14. Jahrhundert
(Cod. Guelf. 148 Noviss. 2°, Herzog August Bibliothek WolfenbĂŒttel)
Betrachtet man die materialen Eigenschaften von Torarollen, fĂ€llt das ernste BemĂŒhen der Schreiber auf, jegliche VerĂ€nderung zu vermeiden. Die Beschaffenheit des Pergaments, die Farbe der Tinte, das Schriftbild und die festgelegten Formen der Buchstaben, der Buchstabenkrönchen (tagin) und Sonderzeichen haben, von kleinen Varianten abgesehen, zumindest seit der SpĂ€tantike kaum VerĂ€nderungen erfahren.
Anders als bei der Weitergabe der HebrĂ€ischen Bibel haben die Schreiber bis heute den buchkĂŒnstlerischen Versuchungen der Umweltkulturen – etwa prachtvollen Illuminierungen oder kunstvoller Kalligraphie – erfolgreich widerstehen können. Die verschlossene Welt der professionellen Toraschreiber (sofrei STaM Akronym: Sefer Torah, Tefillin und Mezuzot) konnte auch von medialen VerĂ€nderungen wie dem revolutionĂ€ren Buchdruck oder von technischen Neuerungen, die etwa die Materialherstellung und die SchreibgerĂ€te betreffen, nicht erschĂŒttert werden.

Ritual und GedÀchtnis

Darstellungen von Toraschreinen in mittelalterlichen Handschriften
Offener Toraschrein
Eine Torarolle wird zu Beginn des Gottesdienstes von einer ausgewĂ€hlten Person aus dem Toraschrein „herausgehoben“ und zeremoniell zum Lesepult [bima] getragen, dort ihres Schmuckes entkleidet und fĂŒr die Lesung aufgerollt. Der Toraschrein wird wie die Bundeslade ’aron ha-qodeĆĄ genannt und erinnert dementsprechend an das BehĂ€ltnis der Mosaischen Steintafeln, die das Volk Israel wĂ€hrend seiner Wanderung durch die WĂŒste mit sich trug. Die Lade mit den Gesetzestafeln fand zunĂ€chst in dem transportablen Heiligtum, der StiftshĂŒtte, einen festen Ort, spĂ€ter stand sie im Allerheiligsten des Salomonischen Tempels, wo sie selbst dem Hohepriester nur einmal im Jahr zu Jom Kippur zugĂ€nglich gewesen sein soll.

Torarollen sind durch oftmals sehr wertvolle StoffhĂŒllen oder Holz- bzw. MetallkĂ€stchen geschĂŒtzt. In Anlehnung an die detaillierte biblische Beschreibung der Priesterkleidung in Exodus 28 umwickelt man in der aschkenasischen, aber auch in der italienischen und tĂŒrkischen Tradition die Torarollen mit einer Stoffbinde oder einem Wimpel, ĂŒber den ein Mantel (me‘il, mitpahat oder mappah) gelegt wird.
Toramantel mit Rimmonim, London 18. Jhd. Bildmaterial aus Yaniv, Bracha: Ceremonial Synagogue Textiles. From Ashkenazi, Sephardi, and Italian Communities, Littman Library of Jewish Civilization, 2019X
WĂ€hrend der Aus- und Wiedereinhebung der Schriftrolle erheben sich die versammelten Gemeindemitglieder von ihren PlĂ€tzen und begrĂŒĂŸen die kleine Prozession durch Verbeugungen und Rezitationen. Als Geste der Verehrung und direkten Verbundenheit mit Gott kĂŒssen Gemeindemitglieder den Mantel des Sefer Torah. Der Aufruf, einen Abschnitt der Tora vorzulesen, heißt „Aufstieg“ (‘alijah) und erinnert an die Besteigung des Bergs Sinai durch Moses – performativ durch das Betreten des erhöhten Lesepults nachvollzogen.
Im Anschluss an die Lesung des Wochenabschnitts oder gegebenenfalls der ProphetenbĂŒcher (haftarot) und noch bevor die Rolle wieder bekleidet und an ihren angestammten Platz im Toraschrein zurĂŒckgetragen wird, hĂ€lt der Vorleser die Rolle mit beiden Armen in die Höhe und zeigt sie den versammelten Gemeindemitgliedern, die im Chor sprechen: „Das ist das Gesetz, das uns Moses gegeben hat [
]“.
Die Gemeinde wiederholt dementsprechend in jeder öffentlichen Lesung das bedeutsame Offenbarungsereignis, das den Glauben und die IdentitĂ€t des jĂŒdischen Volkes begrĂŒndete, durch einen symbolischen Aufstieg eines „Moses“ aus der Gemeinde zu Gott. Die Geste des Zeigens der Rolle verlegt die Übergabe des Gesetzes von Moses an das Volk Israel in die Gegenwart; durch das gemeinsame Sprechen der Formel erneuern die Anwesenden den Bund des jĂŒdischen Volkes mit Gott und versichern sich so ihrer sozialen Ordnung. In einem Sefer Torah fließen dementsprechend die weit entfernte Vergangenheit und die Gegenwart in der Ordnung des Ritus bzw. der Festordnung nahtlos ineinander ĂŒber.

Materialisierte Heiligkeit

Die Reinheit des Materials und Lauterkeit des Herzens spielen bei der Herstellung und Handhabe der heiligen Schriftrollen eine zentrale Rolle. Die Vorstellung von „rein“ und „unrein“ ist die zentrale Ordnungskategorie im jĂŒdischen Denken und eng mit der Idee von „heilig“ und „profan“ verknĂŒpft. Ausschlaggebend fĂŒr die Vorstellung von „rein“ und „unrein“ war die Heiligkeit des Tempels. Um dieser zu entsprechen, mussten alle Menschen und Dinge, die in Kontakt mit dem Heiligtum standen, im Zustand absoluter Reinheit sein.
Die jĂŒdische Literatur der Antike lĂ€sst keinen Zweifel: dem Tempelrollenexemplar kam hochheiliger Charakter zu und es war denselben rituellen Regeln wie den hochheiligen TempelgerĂ€ten unterworfen.

SchrifttrÀger

Aus diesem Grund war und ist die Reinheit des Materials, aus dem die heiligen Rollen gefertigt sind, von außerordentlicher Bedeutung. So muss das Pergament bzw. Leder, auf dem die STaM geschrieben werden, von den HĂ€uten rituell reiner Tiere stammen. Damit sind Tiere gemeint die nach jĂŒdischen Speisevorschriften zum Verzehr geeignet sind, wie z.B. Rind, Wild oder Schafe, aber im Unterschied zu diesen nicht rituell geschlachtet sein mĂŒssen. Die rabbinische Literatur beinhaltet recht klare AusfĂŒhrungen darĂŒber, welche HĂ€ute fĂŒr das Schreiben eines Sefer Tora, der Tefillin und Mezuzot und welche allein dem profanen Raum vorbehalten sind. FĂŒr den sakralen Bereich ausdrĂŒcklich nicht geeignete HĂ€ute sind mazzah, áž„ippa und diphtera, die gar nicht oder wenig aufwendig bearbeitet wurden. Stattdessen verwiesen die Rechtsgelehrten auf den altbekannten Schreibstoff Leder, wobei sie zwischen gewil, qelaf und duchsustos differenzierten. Diese HĂ€ute sollten alle drei Stufen des antiken Herstellungsprozesses – so wie sie sich der Talmud auf Grundlage der Gerbpraxis im Nahen Osten vorstellte – durchlaufen haben:

1. Das Salzen der Haut.
2. Das Bemehlen derselben.
3. Das Gerben der Haut mit Gallapfelextrakt.

Gewil erfuhr keine Weiterverarbeitung, wĂ€hrend fĂŒr die Herstellung von qelaf und duchsostos eine Haut noch gespalten wurde. Die sich daran anschließende Diskussion um die halachisch, i.e. religionsgesetzlich einwandfreie Herstellung der SchreibhĂ€ute im islamisch-arabischen Kulturraum hallte in der frĂŒhen religionsgesetzlichen Literatur Europas nach – doch mit einer gewissen Distanz. In Europa setzte sich bereits in der Antike Pergament, das erst ab dem 13. Jahrhundert langsam vom Papier verdrĂ€ngt wurde, als Schreibstoff durch. Der wesentliche Unterschied zum Leder ist der Verzicht auf Tannine, deren festigende Wirkung durch eine Behandlung der HĂ€ute mit einer Kalklösung und langsames Trocknen an der Luft ersetzt wird. Das entspricht keineswegs der rabbinischen Vorstellung von einer einwandfreien Schreibhaut; dennoch: europĂ€ische Juden ĂŒbernahmen das Pergament fĂŒr die STaM – auch weil sie ab dem 12. Jahrhundert zunehmend aus dem Gerberhandwerk verdrĂ€ngt und daher weitestgehend von christlichen Pergamentern abhĂ€ngig waren. Im islamischen Kulturraum benutzten Juden dagegen weiterhin nach den oben genannten Richtlinien behandeltes Leder oder, wie aus einigen rabbinischen Diskussionen hervorgeht, das im arabischen Raum verbreitete raq – eine Schreibhaut, die von den rabbinischen AutoritĂ€ten mit áž„ippa, also einer wenig bearbeiteten Schreibhaut verglichen wurde. Torarollenzeugnisse aus dem Jemen bezeugen im Vergleich zu europĂ€ischen Artefakten sehr gut die Entwicklung unterschiedlicher regionaler Traditionen hinsichtlich der Beschreibstoffe.

Tinte

Auch die Herstellung und Benutzung der Tinte – es wird dafĂŒr immer der hebrĂ€ische Begriff dejo benutzt - hat nach alter Rezeptur und Anweisung zu erfolgen. Der Schreiber sollte ausschließlich schwarze Tinte verwenden, die nach dem Trocknen eine leicht erhabene Schicht bildet. Rötliche, brĂ€unliche oder ĂŒberhaupt farbige Tinten machen den Text unrein und fĂŒr den Ritus unbrauchbar. Wie unterschiedlich die Tintenrezepturen auch sein mögen, dejo ist im Schreiberkontext ein Synonym fĂŒr Reinheit und Heiligkeit. Ausschließlich fĂŒr das Kopieren der heiligen Schriftrollen bestimmt, wird diese Tinte immer wieder als TrĂ€ger der göttlichen Weisheit inszeniert. So berichtet der Talmud, dass die Namen auf dem mit Edelsteinen besetzten Brustschild des Hohepriesters (Ex 28,15-21) mit dejo geschrieben seien, was den schwarzen Schreibstoff erheblich aufwertete und mit der Aura des Hochheiligen umhĂŒllte.

SchreibgerÀte

Zu den SchreibgerĂ€ten im rituellen Gebrauch ist zu bemerken, dass sowohl verarbeitetes Schilfrohr als auch Vogelfedern verwendet werden. Die Feder des Toraschreibers trĂ€gt die Bezeichnung Qulmus und eignet sich idealerweise sowohl zum Schreiben von breiten Buchstaben, als auch zum filigranen Verzieren der Buchstaben mit Krönchen. Damit sich beim Abschreiben kein Fehler einschleicht, muss jedes Wort von ihm laut gelesen werden, bevor er es endgĂŒltig zu Pergament bringt. Damit soll zum einen die Heiligkeit des Textes auf die Schriftrolle ĂŒbergehen, zum anderen aber auch vermieden werden, dass der Schreiber ganze Passagen aus dem Kopf schreibt – auch wenn das fĂŒr ihn sicherlich kein Problem darstellte.
Schreiber beim Kopieren (Foto: Annett Martini)
Tinte und Schreibfeder (Foto: Annett Martini)

Die Buchstabenformen und ihre symbolische Bedeutung

Schriftbild einer mittelalterlichen Torarolle aus dem aschkenasischen Raum (Ms. or. fol. 1216, Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz)
Der Buchstabe alef
Der Buchstabe gimel
Der Buchstabe samekh
Der Buchstabe tav
Zwei lamed mit ungewöhnlichen FÀhnchen am oberen Ende
Auf ungewöhnliche Weise gekrönte Buchstaben schin, pe und tet
Betrachtet man das Schriftbild einer Torarolle nĂ€her, fallen die exakt geschriebenen Buchstaben ins Auge, die beinahe DruckqualitĂ€t besitzen. Ein Schreiber hat fĂŒr jeden der 22 Buchstaben des hebrĂ€ischen Alphabets exakte Schreibvorgaben, die kaum Platz fĂŒr Interpretationen oder so etwas wie kĂŒnstlerische Freiheit lassen. Ein Schreiber benutzt zum Kopieren der STaM aber auch fĂŒr das Abschreiben der HebrĂ€ischen Bibel immer die assyrische Quadratschrift. Diese Schrift basiert auf dem aramĂ€ischen Alphabet, das das althebrĂ€ische Schriftsystem etwa im fĂŒnften vorchristlichen Jahrhundert verdrĂ€ngte. Den Namen „Quadratschrift“ bekam sie, da jeder Buchstabe ein ganzes bzw. halbes Quadrat ausfĂŒllt und sich die LinienfĂŒhrung der Zeichen mit hauptsĂ€chlich waagerechten und senkrechten Strichen meist am Quadrat orientiert. Besteht auch nur der leiseste Zweifel, ob ein Buchstabe die rechte Proportion hat oder durch einen Riss im Pergament o. Ă€. in seiner Form bedroht ist, wird dem Schreiber eine recht unkonventionelle aber zuverlĂ€ssige Kontrollinstanz empfohlen. Er möge den betreffenden Buchstaben einem Kind, das nicht besonders klug aber auch nicht zurĂŒckgeblieben sein sollte, vorlegen. Liest das Kind ihn richtig, besteht kein Handlungsbedarf. Hat das Kind Schwierigkeiten beim Lesen oder liest gar einen anderen Buchstaben als dort vorgesehen, ist die Textstelle und damit die ganze Rolle untauglich und muss ausgebessert werden.

Die Körper der Buchstaben

Die Körper der Buchstaben dienen aber auch als Erinnerungszeichen fĂŒr die grundlegenden Elemente des jĂŒdischen Glaubens, die beim Schreiben oder Lesen ins GedĂ€chtnis gerufen werden können. Die rabbinische antike Tradition offenbart bereits ein tief verwurzeltes Geflecht von sinnbildlichen Konnotationen, das insbesondere von den jĂŒdischen Mystikern gerne aufgegriffen und weitergefĂŒhrt wurde. Das alef, beispielsweise, verwandelt sich in einen aufrecht stehenden Menschen, der mit erhobener Hand die Wahrheit Gottes bezeugt. Das gimel gleicht einem Mann, der einen Armen an der TĂŒr sieht und in sein Haus hinein geht, um aus ihm Speise fĂŒr den Armen herauszuholen. Die geschlossene Form des samekh bezeugt das AuserwĂ€hltsein des Volkes Israels, da die Schekhinah – das ist die PrĂ€senz Gottes in der Welt - sich rings um die Israeliten gelegt habe, damit Gott sie nicht vertauscht mit einem anderen Volke. Der Fuß des taw ist eingeknickt, da der ToraschĂŒler seine FĂŒĂŸe krĂŒmmen muss, um sich mit der Tora zu beschĂ€ftigen – um nur einige wenige Beispiele aus dem einflussreichen Midrasch „Das Alphabet des Rabbi Akiba“ (PalĂ€stina 6–10 Jhd.) zu nennen.

Eine palĂ€ographische Besonderheit der jĂŒdischen Schrifttradition besteht darin, dass einige Buchstaben der stark standardisierten Quadratschrift innerhalb der Schriftrollen mit Krönchen (tagin) verziert bzw. auf ungewöhnliche Weise geschrieben (otijjot meshunnot) werden. Der Talmud legt sich auf die sieben Buchstaben gimel, zajin, tet, ‘ajin, nun, zade und schin fĂŒr diesen außergewöhnlichen Buchstabenschmuck fest. Mittelalterliche Schriftzeugnisse aus der Zeit vom 12. bis 15. Jahrhundert (es gibt einige spĂ€tere Zeugnisse dieses PhĂ€nomens vor allem innerhalb der Megillot) weisen jedoch zahlreiche Ausnahmen von dieser antiken BeschrĂ€nkung und eine bemerkenswerte FormenfĂŒlle an neuen Verzierungen auf. Rechtsgelehrte aus unterschiedlichen Regionen der Diaspora sahen durch die ungewöhnlichen Kringel, Bögen, FĂ€hnchen und Strichelchen die authentische Gestalt eines Sefer Torah bedroht und drangen auf Einheitlichkeit. Parallel zu dieser ungewöhnlichen Schreibpraxis entwickelte sich eine exegetische Tradition, die diese Krönchen und ungewöhnlich geschriebenen Buchstaben, aber auch die standardisierten Buchstabenformen aus rabbinisch-ethischer, mystischer und philosophischer Perspektive interpretierte.

Das Layout

Kolumnen einer Torarolle Ms. or. fol. 1217, Berliner Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Meerlied Ms. or. fol. 1216, Berliner Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Moseslied Berliner Ms. or. fol. 1216, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Die Zusammensetzung der Buchstaben zu Wörtern, die Anordnung der Wörter in den SĂ€tzen, die Festlegung der AbsĂ€tze und TextlĂŒcken und die Darstellung der Kolumnen auf einem Bogen Pergaments – nichts ist dem Zufall ĂŒberlassen. So ist ein haaresbreiter Abstand zwischen den Buchstaben, eine Buchstabenbreite zwischen den Wörtern, eine Zeilenhöhe zwischen den Zeilen und zwei Daumenbreiten zwischen den Kolumnen, eine Handbreit unterhalb und drei Fingerbreit oberhalb des Textes und vier Zeilenhöhen zwischen den einzelnen BĂŒchern der Tora vorgeschrieben. Eine Kolumne sollte immer als rechteckiger Block mit möglichst geraden RĂ€ndern erscheinen. Der Schreiber erfĂ€hrt neben Empfehlungen fĂŒr die ideale Anzahl von Kolumnen je Bogen auch „Tricks“ fĂŒr die nicht ganz einfache Realisierung eines „Blocksatzes“. Selbstredend hat der eigentlichen Kopierarbeit eine gut durchdachte Linierung vorauszugehen.

Die Darstellungen des sogenannten „Meerliedes“ (Ex 15, 1–19) und des „Moseliedes“ am Ende der Tora (Deut 32, 1–43) bilden eine Ausnahme im gleichmĂ€ĂŸigen Fluss der Kolumnen. Im Meerlied besingt Moses das Wunder von der Rettung des Volkes Israel vor den Truppen des Pharao. Die Wasser teilten sich, ließen die Verfolgten trockenen Fußes hindurch, wĂ€hrend die Ägypter mit Ross und Wagen in die Tiefe gerissen wurden und ertranken. Diese Szenerie manifestiert sich bis heute in der visuellen Form des berĂŒhmten Liedes, indem Ziegel ĂŒber Halbziegel, d. h. ein ganzes Versmaß ĂŒber einem halben Versmaß, angeordnet ist, so dass ein Bild entsteht, dass die Wogen des roten Meeres vor dem inneren Auge des Betrachters lebendig werden lĂ€sst. Die Verse des Mosesliedes werden dagegen in zwei SĂ€ulen Ziegel ĂŒber Ziegel bzw. Halbziegel ĂŒber Halbziegel geschrieben. Beide Lieder sind von großer Bedeutung fĂŒr die IdentitĂ€t des jĂŒdischen Volks und deshalb ganz bewusst aus dem Text hervorgehoben. Ihre besondere Gestalt ist eine Aufforderung an die Betrachter, genauer hinzusehen und sich den Inhalt der Lieder als etwas Gewichtiges einzuprĂ€gen. Sie markieren zentrale Orientierungspunkte im kulturellen GedĂ€chtnis der jĂŒdischen Religionsgemeinschaft.

Der Name Gottes

Das Schreiben der Namen Gottes ist ein besonders heikles Thema innerhalb der Schreiberliteratur. Was ist zu tun, wenn der Name Gottes vom Schreiber vergessen wurde? Wie verfÀhrt er, wenn er einen Namen zweimal hintereinander geschrieben hat? Welche Korrekturregeln hat der Schreiber in diesem Falle zu beachten? Wenn beispielsweise ein Schreiber den Namen JHWH schreiben sollte und aus Versehen stattdessen Jehudah schrieb, sollte er aus dem dalet ein he machen und das letzte he ausradieren. (Massechet Soferim, 5:3) Im umgekehrten Fall, wenn der Schreiber also statt Jehudah das Tetragramm JHWH schreibt, sollte er [das gesamte Wort] ausradieren und den Namen neu schreiben (Massechet Soferim, 5:2).

Beim Schreiben der Gottesnamen sind einige EventualitĂ€ten in Betracht zu ziehen, und nicht immer sind die Rabbinen einer Meinung. Einigkeit herrscht darĂŒber, das dem Tetragramm JHWH die peinlichste Sorgfalt der Schreiber und die grĂ¶ĂŸten UmstĂ€nde bei der Korrektur zu gelten haben. Das Ausradieren des ganzen Namens oder das Überschreiben einzelner Buchstaben ist unter allen UmstĂ€nden zu vermeiden. Das gleichsam magische Zusammenspiel der Buchstaben des Namens sollte nicht durch einen unkonzentrierten Schreiber oder weltliche Ordnungen gestört werden. Selbst ein König hat seine Zweitrangigkeit in Anbetracht des himmlischen Herrschers zu akzeptieren, wie die kleine Parabel vom irdischen König, der geduldig den Gruß des Schreibers abwartet, sehr schön versinnbildlicht:

Derjenige, der den Namen [JHWH] schreibt und just in diesem Moment von einem König gegrĂŒĂŸt wird, muss den Gruß nicht erwidern. Doch wenn einer zwei oder drei Namen schreibt, darf er nach einem eine Pause machen und den [königlichen Gruß] erwidern. [Ebd., 5:6]

Die Gottesnamen geben auch den Anstoß fĂŒr die Diskussion, wie mit unbrauchbar gewordenen Torarollen umzugehen ist. Aus Respekt vor den göttlichen Namen dĂŒrfen sie nicht einfach weggeworfen werden, sondern mĂŒssen genau wie andere SchriftstĂŒcke, die den Gottesnamen enthalten, in einer Geniza rituell verborgen oder in einer Ecke auf dem Friedhof vergraben werden. Um den bereits geschriebenen Gottesnamen zu schĂŒtzen, muss auch eine unvollstĂ€ndige, fehlerhafte oder rituell unreine Torarolle dementsprechend behandelt werden.

Trotz der stark standardisierten Herstellungspraxis haben sich im Laufe der Zeit regionale Unterschiede hinsichtlich der Beschaffenheit der SchreibhÀute, der Zusammensetzung der Tinten, des Layouts, kleiner Textvarianten oder palÀographischer Besonderheiten herausgebildet. Auf Grundlage einer Vielzahl von vergleichenden Fallstudien ist es der Forschung dementsprechend möglich geworden, zwischen Torarollen aus Aschkenas oder Sefarad, dem Nahen Osten, dem Byzantinischen Reich oder dem Jemen zu unterscheiden.
Zitiervorschlag
Annett Martini: Torarollen, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale EinfĂŒhrung (2021). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/1/1/index.php?id=121&lang=de&tpl=2#

Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion