Dichtung und Literatur des Mittelalters


von Klaus Wolf

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Mittelalterliche Literatur erscheint von Anfang an zweisprachig. Tendenziell ist lateinische Literatur gelehrt bis geistlich und orientiert sich an einem klerikalen Publikum, wÀhrend deutschsprachige Literatur eher weltlich orientiert ist und sich an ein laikales Publikum wendet.

Kaiser Heinrich VI. als „Dichter“ im Codex Manesse (ca. 1305-1340)
UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 6r.
Ausnahmen bestĂ€tigen dabei die Regel, wenn klerikale Autoren in Latein und Volkssprache weltliche Gattungen bedienen und Laien sich auch an geistlichen Werken versuchen. Dabei dringt je lĂ€nger je mehr die Volkssprache in Gebiete vor, die ursprĂŒnglich fĂŒr Latein reserviert waren. Dies betrifft nahezu alle Gattungen.

Gattungsvielfalt

Abbildung NĂŒrnbergs in der „Schedelschen Weltchronik“ UB Heidelberg, B 1554 B Folio INC, fol. 99 v. u. 100 r.
Einzelne Gattungen und Werke liefern in mittelhochdeutscher und frĂŒhneuhochdeutscher Sprache Informationen, die auch von einigem Quellenwert fĂŒr die Geschichtswissenschaft sind. Hier ist neben der Ereignisgeschichte auch an Sozial- und Kulturgeschichte im weiteren Sinne zu denken. ZunĂ€chst ist dabei die ĂŒberaus vielschichtige mittelalterliche Chronistik zu nennen, welche sowohl metrisch gebunden als auch in Prosa auftreten kann und frĂŒhzeitig auch graphische Schemata etwa zur Abfolge von PĂ€psten und weltlichen Herrschern kennt und besonders im Buchdruck reich bebildert sein kann. Neben fĂŒr den Historiker offensichtlich lohnenden Gattungen wie Chroniken, Annalen und TagebĂŒchern (beispielsweise die sozial- und kulturgeschichtlich Ă€ußerst ergiebigen Aufzeichnungen der Patrizierfamilie Rorbach in Frankfurt am Main) sind seit dem Hochmittelalter auch vermeintlich rein fiktionale Werke aus Epik, Lyrik und Dramatik als historische Quellen ertragreich.

Epik

Direkten historischen Bezug weist die Heldenepik auf, weil ihre Protagonisten historische Wurzeln haben, die spĂ€ter in Heldenlied und Heldensage gesteigert umgeformt wurden. Hinter Dietrich von Bern verbirgt sich beispielweise der Ostgotenkönig Theoderich, der in Ravenna residierte. Der historische Wert etwa des Nibelungenlieds zeigt sich aber weniger in seinen ereignisgeschichtlichen Wurzeln in der Völkerwanderungszeit, sondern vielmehr in seiner Verschriftlichung um 1200, wo die hochmittelalterliche höfische Kultur etwa in den sogenannten „Schneiderstrophen“ mit ihren scheinbar endlosen Beschreibungen von Hoffesten manifest wird. Nicht zuletzt wird die höfische Kultur der Stauferzeit, aber auch des SpĂ€tmittelalters in höfischen Romanen zum Artuskreis, aber noch in den Romanprojekten Kaiser Maximilians I. bis hin zu kunstvollen Abbildungen in den ÜberlieferungstrĂ€gern sichtbar. Einen Sonderfall stellt die Gattung der Chanson de Geste dar, welche auf karolingischer Grundlage die im Hochmittelalter aktuelle Kreuzzugsthematik auch militĂ€r- und kulturgeschichtlich spiegeln. Der zukunftsweisende spĂ€tmittelalterliche Prosaroman, der vielfach schon im Buchdruck publiziert wird, gibt einen Einblick in das Milieu der aufstrebenden StĂ€dte, wie etwa beim Augsburger Fortunatus-Roman deutlich wird, der als frĂŒher Kaufmannsroman gelesen werden kann.

Roland stĂŒrmt den Tempel Mahomets, Ende 12. Jh.
UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 112, P, fol. 57 v.
Titelseite „Fortunatus“, Augsburger Erstausgabe von 1509

Lyrik

Der MinnesÀnger und Sangspruchdichter Walther von der Vogelweide UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 124 r.
Hochmittelalterliche Lyrik umfasst einerseits Liebesdichtung im Minnesang, andererseits weltliche und politische Dichtung im Sangspruch. WĂ€hrend der Minnesang allenfalls als literarisches Spiel Quellenwert fĂŒr die Kulturgeschichte hat, ist die Gattung Sangspruch auch ereignisgeschichtlich Ă€ußerst anspielungsreich. Dies beginnt schon beim Gönnerlob, wo sich etwa die herausragenden Dynastien der Staufer, Welfen, Wittelsbacher, Babenberger oder Ludowinger im Hochmittelalter identifizieren lassen. Im SpĂ€tmittelalter kommen etwa noch die Habsburger hinzu. Weitaus wichtiger sind direkte politische Bezugnahmen beispielsweise in der Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser bei Walther von der Vogelweide und noch bei Frauenlob. Dabei gehört die Gattung Sangspruch, welche auch an weniger bedeutenden Höfen anzutreffen ist, zu den zĂ€hlebigsten der deutschen Literaturgeschichte.

Dramatik

Beginn der Frankfurter Dirigierrolle, welche auch deutschen Sprechtext fĂŒr einen Juden "lieberman", vorsieht, wobei ein gleichnamiger jĂŒdischer StadtbĂŒrger fĂŒr die erste HĂ€lfte des 14. Jahrhunderts belegt ist.
Das Drama des Mittelalters beginnt im deutschsprachigen Raum in der Stauferzeit. Mit dieser Dynastie wird etwa der ‚Ludus de Antichristo‘ in Verbindung gebracht, der beziehungsreich auf die zeitgenössischen politischen VerhĂ€ltnisse in Europa anspielt. Auch scheinbar unpolitische Gattungen wie Passions- oder Fastnachtsspiele, welche im gesamten deutschsprachigen, ja europĂ€ischen Raum, besonders im SpĂ€tmittelalter eine BlĂŒtezeit erfahren, aktualisieren das BĂŒhnengeschehen mit zahlreichen, mitunter durchaus kabarettistischen Anspielungen bis hin zur Namensgebung bei BĂŒhnenrollen, wenn Juden etwa die Namen einheimischer jĂŒdischer StadtbĂŒrger tragen. Von daher sind mittelalterliche Dramen eine bislang zu wenig ausgewertete historische Quelle insbesondere fĂŒr die Geschichte mittelalterlicher StĂ€dte.

Fachprosa

Einen wichtigen Einblick in Technik-, Medizin- und Wirtschaftsgeschichte gibt die seit dem SpĂ€tmittelalter in Handschrift und Druck geradezu explodierende Fachprosa. Denn die volkssprachigen Traktate wenden sich nicht zuletzt an ein in erster Linie stadtbĂŒrgerliches Publikum von Experten. Hierher gehören auch weit verbreitete und nicht selten massiv illustrierte Werke des Kriegsschrifttums. Durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern wird vordem gelehrte bis universitĂ€re Literatur breiteren Schichten geöffnet, wobei die Druckwerke in frĂŒhneuhochdeutscher Prosa fĂŒr den Historiker zu wichtigen Quellenwerken beispielsweise der Astronomiegeschichte oder der Medizingeschichte werden.

Kampfwagen. Abbildung aus dem "Bellifortis" des Konrad Kyeser. MĂŒnchen, BSB, um 1430, entstanden vielleicht in Böhmen
BĂŒchlein von den ausgebrannten WĂ€ssern (Heildestillate), Druck Johann Zainer Ulm 1498

Edition und Überlieferungsgeschichte


Beim Quellenstatus der genannten Gattungen gilt es zu beachten, dass ein Rekurrieren nur auf Editionen in die Irre fĂŒhren kann. Vor allem beim Bezug auf regionale Fragestellungen lohnt sich ein Blick auf die regionale Überlieferung von Chronistik, Epik, Lyrik, Dramatik und Fachprosa. Durch die Einbeziehung ĂŒberlieferungsgeschichtlicher Fragestellungen sind insbesondere individuelle Besonderheiten und die fallweise reiche Bebilderung als historische Quellen fruchtbar. FĂŒr die Germanistik sind hier die im Wachsen befindlichen Handschriftenbeschreibungen und Digitalisate auf der Website des Marburger Repertoriums/Handschriftencensus unverzichtbar: https://handschriftencensus.de/

Zitiervorschlag
Klaus Wolf: Dichtung und Literatur des Mittelalters, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale EinfĂŒhrung (2020). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/1/1/index.php?id=119&lang=de&tpl=2#

Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion