Mittelalterliche Reiseberichte


von Daniela Kah

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Die Kontakte von Reisenden mit »fremden« LÀndern, Völkern und Traditionen haben Spuren hinterlassen, die in der Geschichtsforschung aus verschiedenen Perspektiven untersucht werden können.

Reisegesellschaft mit Gefolge, Miniatur in einem Psalter (ca. 1320-1340)
British Library, Add MS 42130, fol. 181 v.
Reisende des Mittelalters zog es nicht primÀr aus »Entdeckungslust« in die Ferne. Das Reisen im Mittelalter war meistens unbequem, gefÀhrlich und zeitaufwÀndig. Deshalb reiste man vor allem dann, wenn es notwendig war.

Reisemotivation im Mittelalter

Ältester deutscher PilgerfĂŒhrer nach Santiago de Compostela (Hermann KĂŒnig, Titelholzschnitt der Ausgabe von 1521)
WĂ€hrend Pilger und Missionare aus religiösen GrĂŒnden reisten, entschlossen sich Gesandte aus politischen GrĂŒnden, in entfernte und fremde Gebiete zu ziehen. Seit dem 12. Jahrhundert beförderten wachsende ökonomische Interessen die Handelsreisen von Kaufleuten und ihren Bediensteten. Zudem fĂŒhrten Heerfahrten, Kriegs- und KreuzzĂŒge zu weiten Expansionsbewegungen, die ursprĂŒnglich mit dem mittelhochdeutschen Wort reise bezeichnet wurden. Auch unfreiwillige Aufenthalte in der Ferne, wie etwa die Kriegsgefangenschaft, fĂŒhrten zu Kontakten mit fremden Kulturen. Und schließlich verspĂŒrten auch die Menschen des Mittelalters immer wieder das BedĂŒrfnis, die Fremde zu entdecken. Nicht alle machten sich jedoch selbst auf den beschwerlichen Weg, sondern stillten ihre Neugier mit Berichten, die Reisende auf ihren Fahrten oder nach ihrer RĂŒckkehr in der Heimat verfassten.

Reiseberichte des Mittelalters

Die Reiseberichterstattung im abendlĂ€ndischen Raum erlebte ihren ersten Höhepunkt in den Aufzeichnungen von Pilgern, pĂ€pstlichen oder königlichen Gesandten des 13. bis 15. Jahrhunderts. Ein im 10. Jahrhundert entstandener Reisebericht des Bischofs Liutprand von Cremona (ca. 920‒972), der als Gesandter Kaiser Ottos I. an den Kaiserhof in Byzanz reiste, ist noch ein singulĂ€res Dokument seiner Zeit. Aus dem 13. Jahrhundert sind demgegenĂŒber viel mehr Reiseberichte ĂŒberliefert, was auch auf die wachsende Schriftkultur im SpĂ€tmittelalters zurĂŒckzufĂŒhren ist.

FrĂŒhe Beschreibungen Asiens und Europas

Einen Wandel erfuhren die Beziehungen zwischen den Kulturen des Okzidents und des Orients nicht nur durch die KreuzzĂŒge, sondern auch durch mehrfache EinfĂ€lle der Mongolen im 13. Jahrhundert. Solche Ereignisse erweiterten den Horizont der EuropĂ€er und verschoben die Grenzen des »gedachten Europa«. In Folge wurden etwa die Franziskanermönche Johannes de Plano Carpini (1245-1247) und Wilhelm von Rubruk (1253-1255) zum mongolischen Großkhan entsandt. Sie verfassten die ersten detaillierten Beschreibungen ĂŒber Teile Osteuropas sowie Vorder- und Zentralasiens. SpĂ€ter begab sich Odorich von Portenau (1314/18-1331) von Italien aus nach Indien, China und in die Mongolei, um im pĂ€pstlichen Auftrag zu missionieren. Kurz vor seinem Tod diktierte er einem Mitbruder seinen prominenten Reisebericht ĂŒber die Relatio de mirabilibus Orientalium Tatarorum.

Wiliam von Rubruk und ein Begleiter am Beginn ihrer
Asienreise (Corpus Christi College, Cambridge MS 066A, fol 67 r.)
Einen entscheidenden Einfluss auf das Bild Asiens in Europa hatte zudem der berĂŒhmt gewordene Reisebericht »Il Milione« des venezianischen Kaufmanns Marco Polo (1254-1324). Polo begann seine Reise 1271 als SiebzehnjĂ€hriger und kehrte 1295 in seine Heimatstadt Venedig zurĂŒck. Über lange, mĂŒhsame Land- und Seewege erreichte er verschiedene Regionen des asiatischen Kontinents. Seine umfangreichen ErzĂ€hlungen, die detailreich von den Strapazen der Reise, Völkern, LĂ€ndern, Erlebnissen und Wundergeschichten berichten, wurden zahlreich abgeschrieben und ĂŒbersetzt und fanden so eine rasche Verbreitung. Dabei wurden in Europa nicht nur die Berichte von Reisenden abendlĂ€ndischer Herkunft gelesen. Auch die Beschreibungen Reisender aus der Islamischen Welt, wie beispielsweise des Persers Raschid ad-Din (1247-1318) oder des Marokkaners Ibn Baáč­áč­Ć«áč­a (1304-1369), wurden zunehmend rezipiert. Die ErzĂ€hlungen ĂŒber den Orient erstaunten und faszinierten die Daheimgebliebenen.

Besondere Reiseberichte des SpÀtmittelalters

Eine Besonderheit stellen die fiktiven Reiseberichte des Ritters Sir John Mandeville dar. Der unter einem Pseudonym verfasste Roman ĂŒber eine Reise ins Heilige Land wurde von den Zeitgenossen im spĂ€ten Mittelalter als realer Bericht angesehen. UrsprĂŒnglich um 1357 in nordfranzösischem Dialekt geschrieben, wurde er in mehrere Sprachen, im 15. Jahrhundert auch in das Deutsche, ĂŒbersetzt. Er stieß auf großes Interesse, wenn nicht sogar auf die grĂ¶ĂŸte Leserschaft des Mittelalters. Da er zahlreiche Wunder beschrieb, nĂ€hrte er die Fantasie und befriedigte die Neugier der Zeitgenossen, die diese sogenannten mirabilia im fernen, unbekannten Osten erwarteten.
Darstellung exotischer Tiere im 15. Jahrhundert (John Mandeville, Antichrist, Stiftsarchiv St. Gallen, Cod. Fab. XVI)
Johannes Schiltberger bei der Schlacht von Nikopolis 1396 (Reisebuch, ca. 1477, Bayerische Staatsbibliothek, MĂŒnchen, Ink S-201, fol. 1 r.)
ErwĂ€hnenswert ist auch der Reisebericht des Aichachers Johannes Schiltberger (ca. 1380-1427). Im Alter von sechzehn Jahren nahm er als Knappe an einem Kreuzzug des ungarischen Königs Sigismund gegen die TĂŒrken teil, um das seit 1394 belagerte Konstantinopel zu befreien. Der Kreuzzug endete 1396 an der unteren Donau mit der Niederlage bei Nikopolis, woraufhin Schiltberger in tĂŒrkische Gefangenschaft unter dem Sultan BāyezÄ«d I. geriet. Seine Gefangenschaft dauerte 33 Jahre, ehe Schiltperger 1427 in seine Heimat zurĂŒckkehren konnte. Da viele Kriegsgefangene den Weg in die Heimat nicht zurĂŒckfanden oder ihre Erlebnisse nicht niederschrieben, ist sein Reisebericht eine Besonderheit.

Landeskundliche Interessen und kulturelle Reisen

Seit Ende des Ende 15. Jahrhunderts mehren sich »nĂŒchterne« Beschreibungen der Fremde. Landeskundliche Interessen prĂ€gten beispielsweise die Schriften des in Ulm wirkenden Dominikanermönchs Felix Fabri (1438/39-1502). In seinem Evagatorium beschreibt er das Heilige Land und unter anderem Ägypten. Ähnliche Strukturen prĂ€gen die Darstellung einer Reise ins Heilige Land (1483-84) des Mainzer Domdekans Bernhard von Breydenbach. Dass Wundergeschichten nicht aus den ĂŒberlieferten Reiseberichten verschwanden, sieht man etwa an den TagebĂŒchern des Christoph Kolumbus (ca. 1451-1506). Er erwĂ€hnte immer wieder ihm unerklĂ€rliche PhĂ€nomene, die er auf seinen Entdeckungsreisen auf dem amerikanischen Kontinent erlebte. Nach der Jahrhundertwende begann man, Berichte nach Regionen, LĂ€ndern und Kontinenten zusammenzufĂŒgen. Als erster mehrbĂ€ndiger Reisebericht gilt das Werk Delle navigationi et viaggi (1550) des italienischen Humanisten Giovan Battista Ramusio (1485-1557). Im 16. Jahrhundert kamen kulturelle Reisen (Kavalierstouren / BĂŒrgerliche Bildungsreisen) in Mode, auf denen junge Leute im Zuge ihrer Ausbildung einen bestimmten Kanon von LĂ€ndern besuchten.

Reiseberichte als historische Quelle


Mittelalterliche Reiseberichte lassen sich aus verschiedenen historischen und literaturwissenschaftlichen Perspektiven untersuchen. Sie ĂŒberliefern Fakten ĂŒber die Expansion Europas, ĂŒber Handelsbeziehungen oder ĂŒber die »Weltsicht« des Abendlandes, um nur einige Beispiele zu nennen. Der Wert von Reiseberichten als Quelle fĂŒr kulturgeschichtliche Fragestellungen wurde seit den 1970er Jahren erkannt. Reiseberichte eröffnen Zugang zum kulturellen SelbstverstĂ€ndnis ihrer Verfasser und lassen sich als bewusstes oder unfreiwilliges Zeugnis der Selbstdarstellung interpretieren. Seit den 1980er Jahren differenzierten sich das quellenkritische Bewusstsein und die Terminologie durch die zunehmende Aufarbeitung von QuellenbestĂ€nden.

Quellenkritische Hinweise

Die eigene Kultur im Zentrum des Weltbildes: Die Bildung oder auch Erfahrungen des Reisenden beeinflussen seine Wahrnehmung. Tradiertes und in der Herkunftswelt des Reisenden als allgemein geltendes Wissen weckt Erwartungen, bildet Vorurteile und beeinflusst die Deutung des Erlebten.

Der Fokus auf der Fremde: Je weiter die Gebiete von der eigenen Heimat entfernt liegen, umso hĂ€ufiger beschreiben Reisende Details ĂŒber ihre Natur, Bewohner oder Sitten. Sie erwĂ€hnen das, was ihnen fremdartig vorkommt und die Leser in Erstaunen versetzen soll.

Vergleiche von Unbekanntem mit Vertrautem: Die Ordnung der Gesellschaft messen Beobachter beispielsweise mit heimischen Sitten und moralischen Vorstellungen. Wenn das Vorwissen nicht ausreicht, um das Gesehene richtig zu deuten, versuchen sie sich oft an ErklÀrungen oder reduzieren das Fremdartige auf Be- oder Erkanntes.

Der Orient als GegenstĂŒck des Abendlandes: Reisende aus Europa fassen die LĂ€nder im Fernen Osten meist als Ganzes zusammen. Die Beschreibungen des Orients enthalten viele schematisierend anmutende ErlĂ€uterungen und Stereotype. Auch der Topos der »wilden Menschen« gehört zur Peripherie und soll den Gegensatz zur »zivilisierten Welt« unterstreichen. Da in der Vorstellung des Mittelalters im Orient die mirabilia verortet wurden, erwarteten zudem viele Daheimgebliebene zahlreiche Wundergeschichten.

Legitimation der Augenzeugenschaft: Die Leser zweifelten ErzĂ€hlungen oft an, wenn diese ihren Wahrnehmungshorizont ĂŒberstiegen. Um nicht als LĂŒgner zu gelten, fĂŒgen die Autoren deshalb ihren Beobachtungen „autorisiertes Wissen“ hinzu. Oft wird dem Bericht außerdem eine Beteuerung seiner AuthentizitĂ€t vorangestellt, meist wird diese vielfach im Text wiederholt.

RĂŒckgriff auf bekannte Vorbilder: Neben den fiktiven Darstellungen von John Mandeville oder den Reiseberichten der Mönche Odorich von Portenau sowie Wilhelm von Rubruk, zitieren Autoren hĂ€ufig naturkundliche sowie geographische Werke. Zur Basis des abendlĂ€ndischen Wissens ĂŒber den Orient gehören unter anderem die Werke des Plinius und Isidors von Sevilla. Zudem greifen Reisende auf das tradierte Wissen aus theologischen Werken, der Prosa oder auch auf bildliche Darstellungen zurĂŒck.
Zitiervorschlag
Daniela Kah: Mittelalterliche Reiseberichte, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale EinfĂŒhrung (2020). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/1/1/index.php?id=116&lang=de&tpl=2#

Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion