Frauen- und Geschlechtergeschichte


von Martina Hartmann

Die Grabskulptur der ostfränkischen Königin Hemma aus dem 9. Jahrhundert, die wohl erst gegen 1280 entstanden ist, gilt als eine der schönsten des 13. Jahrhunderts in Deutschland.

Grabplatte der Königin Hemma, katholische Pfarrkirche Sankt Emmeram in Regensburg.
Quelle: Bildarchiv Foto Marburg

Wir wissen, dass Hemma durch Vermittlung ihrer Schwester, der Kaiserin Judith, den ostfränkischen König Ludwig den Deutschen geheiratet hat und insgesamt fast 48 Jahre mit ihm verheiratet war. Sie gebar dem ostfränkischen König sieben Kinder, drei Söhne und vier Töchter, und sie erlitt Ende 874 im Kloster Sankt Emmeram einen Schlaganfall, der ihr das Sprachvermögen raubte und starb am 31. Januar 876 hier. Sie wurde dann auch hier bestattet und die Erinnerung an sie blieb im ganzen Mittelalter lebendig.

Mit K√∂niginnen wie Hemma hat sich die Geschichtswissenschaft im Rahmen der politischen Geschichte schon immer besch√§ftigt. Aber das waren nat√ľrlich herausragende, einzelne Frauengestalten, deren Leistung ber√ľcksichtigt wurde, etwa bei K√∂niginnen, die als Wohlt√§terinnen der Kirchen oder aber als Regentinnen f√ľr ihre minderj√§hrigen S√∂hne wirkten. Und Frauen wie Hemma waren Ausnahmen angesichts der Tatsache, dass auch im Mittelalter die H√§lfte der Menschheit weiblich war.

Vom Feminismus zur Geschlechtergeschichte

Nach dem 2. Weltkrieg kam daher, angesto√üen vom Feminismus und der Frauenbewegung aus den USA, die Forderung auf, die lange vernachl√§ssigte eigene Geschichte zu erforschen, da das historische Wissen √ľber Frauen in allen Epochen der Geschichte √§u√üerst d√ľrftig sei. Dies ist damit zu erkl√§ren, dass Frauen jahrhundertelang politisch ziemlich einflusslos waren und sich daher die Geschichtswissenschaft auf M√§nner konzentrierte. Der neue Ansatz war langfristig gesehen sehr fruchtbar, auch wenn am Anfang Frauenforschung ideologisch betrieben wurde und zwar bewusst als Gegenpart zur bis dahin herrschenden m√§nnliche Perspektive der Geschichtswissenschaft. So wurden dann Thesen, die aus feministischer Sicht nahe lagen, wie etwa die der Unterdr√ľckung der Frau untersucht, wobei sich dann das erw√ľnschte Ergebnis gewisserma√üen zwangsl√§ufig ergab.

Die Anf√§nge der verh√§ltnism√§√üig jungen Disziplin der historischen Frauenforschung, die zun√§chst recht k√§mpferisch auftrat, liegen in Deutschland in den 1970er Jahren, wobei sie zun√§chst meist von Frauen betrieben wurde und schon in wenigen Jahren eine F√ľlle von Publikationen hervorbrachte. Diese stie√üen allerdings teilweise auf Argwohn und auch auf harsche Kritik nicht nur von etablierten m√§nnlichen Mittelalterforschern. Die Kritik war insofern oft berechtigt, als unter der Thesenfreudigkeit und ideologischen Ausrichtung der Fragestellung die Ergebnisse litten. Die Zeitbedingtheit mancher Quelle wurde zu wenig ber√ľcksichtigt und die Frauen vergangener Epochen wurden in ihrem Denken und Handeln sowie ihrer gesellschaftlichen Stellung allzu sehr aus heutiger Sicht betrachtet. In grober Vereinfachung k√∂nnte man auch sagen, dass am Anfang der Frauenforschung die Neigung bestanden hat, bedeutende Frauen gegen bedeutende M√§nner aufzuwiegen, w√§hrend dann in einer zweiten Phase versucht wurde, die Rolle der Frau in m√∂glichst vielen Lebensbereichen herauszuarbeiten. Damit einher ging allm√§hlich eine L√∂sung der historischen Frauenforschung vom Feminismus und eine intensivere Reflexion der Methoden und Quellen. Die Quellen sagen uns viel aus √ľber Frauen, aber es bedarf einer intensiven Quellenkritik, da die Frauen in der Regel nicht das prim√§re Berichtsobjekt der Quellen sind.

Heute spricht man, auch um sich von diesen Anfängen abzugrenzen, lieber von Gender History oder Geschlechtergeschichte. Damit wird betont, dass man das Geschlecht als einen weiteren anthropologischen Bedingungsfaktor der Geschichte begreift und die Betrachtung auf Männer und Frauen und ihre spezifische Rolle in der Geschichte ausweitet.

Etablierung in der deutschen Mediävistik

In der deutschen Medi√§vistik war f√ľr die Frauenforschung das 1984 erstmals erschienene Werk der Bonner Landeshistorikerin Edith Ennen von Bedeutung, auch wenn es im Wesentlichen eine Erz√§hlung von Einzelschicksalen darstellt, allerdings unter Ber√ľcksichtigung der jeweiligen Lebenssituation und Zeitbedingtheit der geschilderten Frauenleben. Wichtig war jedoch auch, dass sich mit Edith Ennen keine Feministin, sondern eine renommierte Medi√§vistin des Themas angenommen hat. Ihr Buch mit dem schlichten Titel ‚ÄěFrauen im Mittelalter‚Äú hat inzwischen mehrere Auflagen erlebt und wurde in verschiedene Sprachen √ľbersetzt. Ebenso entscheidend waren aber auch das seit 1984 an der Freien Universit√§t Berlin betriebene Projekt ‚ÄěInterdisziplin√§re Studien zur Geschichte von Frauen in Sp√§tantike und Fr√ľhmittelalter‚Äú unter Leitung von Werner Affeldt und die Arbeiten von Hans-Werner Goetz √ľber Frauen im fr√ľhen Mittelalter und weibliche Lebensgestaltung im fr√ľhen Mittelalter. Letzteres war die Publikation einer Sektion des Bochumer Historikertags von 1990. Mit Affeldt und Goetz nahmen sich zudem zwei m√§nnliche Medi√§visten dieser neuen Forschungsrichtung an und die Forderung, dass Frauenforschung oder Gender History nicht nur von Frauen betrieben werden solle, sondern auch von M√§nnern, ist schon wiederholt erhoben aber leider noch nicht oft in die Tat umgesetzt worden. Inzwischen hat sich aber die historische Frauenforschung zunehmend in der deutschen Medi√§vistik etabliert.

Themenschwerpunkte neuerer Frauenforschung

Was sind nun die Themenschwerpunkte der neueren Frauenforschung? Inhaltlich stehen immer noch K√∂niginnen wie Hemma, Heilige und Klosterfrauen aber zunehmend auch Autorinnen des Mittelalters im Blickfeld. Weiterhin geht es um Themen wie Rechts- und Besitzverh√§ltnisse von Frauen oder um deren Gesch√§ftst√§tigkeit. Ehe, Familie und Mutterschaft sind weitere Untersuchungsfelder genau wie Erziehung, Bildung und literarisch- k√ľnstlerische Produktion.

Wie auch f√ľr andere Disziplinen der mittelalterlichen Geschichte sprudeln dabei unsere Quellen f√ľr das Sp√§tmittelalter wesentlich mehr als f√ľr das Fr√ľh- und Hochmittelalter, sodass wir manche Fragen f√ľr die fr√ľhere Zeit leider nicht beantworten k√∂nnen.

Ausgiebige Literaturberichte in Fachzeitschriften haben in den letzten Jahrzehnten versucht, die Flut verschiedenartiger Publikationen zu erschlie√üen. Es bleibt zu hoffen, dass in den n√§chsten Jahren das Interesse der Forschung sich nicht nur auf Frauen wie Hemma richtet, deren Leben kaum repr√§sentativ f√ľr die eine H√§lfte der Menschheit im Mittelalter war, sondern versucht wird, auch die Lebensbedingungen und die Lebenswirklichkeit einfacher Frauen genauer zu untersuchen.
Zitiervorschlag
Martina Hartmann: Frauen- und Geschlechtergeschichte, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einf√ľhrung (2007). URL: http://hartmann.mittelalterliche-geschichte.de
Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion