Landesgeschichte


von Sabine Ullmann

Im Unterschied zu den anderen historischen FĂ€chern arbeitet die Landesgeschichte epochenĂŒbergreifend. Ihr Zugriff ist nicht die chronologische Ordnung der Geschichte, sondern der Raum.

Fiktive Darstellung Frankens (1493) (Bayerische Staatsbibliothek Rar 287, fol. 293)

Was die Landesgeschichte besonders interessiert, ist die rĂ€umliche Wirksamkeit historischer Ereignisse und Prozesse. Wenn wir uns als Landeshistoriker zum Beispiel mit Stadtgeschichte beschĂ€ftigen, dann betrachten und beschreiben wir nicht die verfassungs-, sozial- oder wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklungen in ihrem zeitlichen Ablauf, sondern wir fragen nach den StĂ€dtenetzen innerhalb einer bestimmten Region, nach wirtschaftlichem Aktionsradius der BĂŒrger und Kaufleute oder nach Migrationsbewegungen und in einem ganz weitem Sinne auch nach StĂ€dtelandschaften.

Geschichte in RĂ€umen

Geschichte auf diese Art und Weise in RĂ€umen zu denken, bedeutet, mit einem mehrfachen RaumverstĂ€ndnis zu arbeiten, und das kann sehr vielfĂ€ltig und spannend sein. Im Mittelpunkt stehen in einem ganz handfesten Sinne physisch-geographische RĂ€ume, die im historischen Wandel von den Menschen gestaltet werden. Das heißt konkret: Wir rekonstruieren die Genese des Landes Bayern und beschreiben damit die Entwicklung derjenigen Territorien, die im heutigen Freistaat Bayern aufgegangen sind. So erforschen und lernen wir, wie das heutige Bayern entstanden ist. Damit tragen wir letztlich auch dem Umstand Rechnung, dass deutsche Geschichte maßgeblich von den partikularen KrĂ€ften, also seinen LĂ€ndern geprĂ€gt worden ist.

Zugleich unterliegt das Land Bayern historisch betrachtet aber einem stĂ€ndigen Wandel. Nicht nur die Grenzen variieren im historischen Verlauf, auch wir verĂ€ndern bei unseren Forschungen oft diese rĂ€umlichen Zuschnitte. Wir orientieren uns nĂ€mlich nicht immer an den modernen Grenzziehungen des heutigen Bayerns, oft legen wir den Untersuchungsraum auch gar nicht vorher fest, sondern er entsteht erst im Zuge unserer Forschungen. Auf diesem Weg entstehen ĂŒber einen offenen Regionenbegriff zum Beispiel Reichslandschaften oder jĂŒdische Landschaften, also Landschaften, die thematisch bezogen sind.

Kulturelle Konstruktion von RĂ€umen

Zugleich rĂŒckt die gesellschaftliche Konstruktion von RĂ€umen in den Blick. Menschen lassen RĂ€ume durch ihre Handlungen entstehen, besetzten sie symbolisch und entwickeln auch vielfach eine raumbezogene IdentitĂ€t. Wir knĂŒpfen unser SelbstverstĂ€ndnis gerne und hĂ€ufig an bestimmte Orte und Landschaften. Das heißt, dass historische Landschaften oder Regionen folglich nicht naturgegeben und unverĂ€nderlich sind, sondern das Ergebnis einer langen mentalen Aktualisierung. Um zu verstehen, was Bayern historisch bedeutet, zĂ€hlt daher auch die Entwicklung regionaler Kulturen zu unseren ForschungsgegenstĂ€nden. Um Lebensformen und alltagsgeschichtliche Fragen zu analysieren, verkleinern wir zudem den Blickwinkel vom großen Raum der historischen Region auf den kleinen Raum: auf das Innenleben der Dörfer und StĂ€dte, auf die Sozialstrukturen dort, die Ordnungen und Hierarchien der Familien bis hin zu den LebenslĂ€ufen und Biographien der historischen Menschen.

Arbeitsfelder der EichstĂ€tter Professur fĂŒr Landesgeschichte

Das historische Umfeld unserer UniversitĂ€t von EichstĂ€tt liegt geographisch genau in der Schnittstelle, in der Grenz- oder Übergangsregion zwischen Franken, Schwaben und der Oberpfalz. Daher konzentrieren wir uns innerhalb Bayerns besonders auf diese Regionen und deshalb steht auch der regionale Vergleich bei uns im Mittelpunkt. Außerdem haben wir hier in EichstĂ€tt einen anderen Schwerpunkt als an anderen bayerischen UniversitĂ€ten. Wir konzentrieren uns auf das SpĂ€tmittelalter und die FrĂŒhe Neuzeit. Eine Besonderheit der EichstĂ€tter Professur fĂŒr Landesgeschichte ist auch, dass sie gleichzeitig die Fachvertretung fĂŒr die Epoche der FrĂŒhen Neuzeit innehat. In dieser Epoche sind auch meinen eigenen Forschungsschwerpunkte angesiedelt, die im Bereich der jĂŒdischen Geschichte, der jĂŒdischen Geschichte Bayerns und der Geschichte Bayerns im Kontext des Alten Reiches liegen

Zu den Arbeitsfeldern der Landesgeschichte gehört weiterhin, dass sie hĂ€ufig Ansprechpartner fĂŒr eine Kulturpolitik ist, die sich fĂŒr regional-, stadt- und ortsgeschichtliche Fragen interessiert. Deswegen stehen wir in enger Kooperation mit der umliegenden Museumslandschaft, der Bezirksheimatpflege sowie den Archiven. In allen Bereichen, die sich mit Kulturpolitik und der öffentlichen Vermittlung von Geschichte beschĂ€ftigen, liegen neben dem Lehramt die wichtigsten Berufsfelder fĂŒr unserer Studentinnen und Studenten.
Zitiervorschlag
Sabine Ullmann: Landesgeschichte, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale EinfĂŒhrung (2007). URL: http://ullmann.mittelalterliche-geschichte.de
Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion