Papst- und Kirchengeschichte


von Claudia Zey

F√ľr die Erforschung der mittelalterlichen Geschichte waren und sind die Themen Papst- und Kirchengeschichte stets zentral.

Fresko des Papstes Innozenz III. (um 1219), Kloster San Benedetto in Subiaco (Latium)

Mit Blick auf die politische Geschichte ist das Papsttum vom Hochmittelalter an √ľber Jahrhunderte hinweg die einzige Institution von universaler Gr√∂√üe. Der geographische Radius p√§pstlichen Einflusses betraf das gesamte Europa und reichte wegen der Kreuzfahrerherrschaften f√ľr zwei Jahrhunderte sogar bis in den nahen Osten.

Ungebrochene Kontinuität

Die Faszination an der Papstgeschichte, die traditionell gerade in der deutschen Geschichtswissenschaft weit verbreitet ist, resultiert einerseits aus der ungebrochenen Kontinuit√§t dieser Institution von den Anf√§ngen in Sp√§tantike und Fr√ľhmittelalter bis in die heutige Zeit, wo vor allem die Person des Papstes das Medieninteresse eines Weltstars genie√üt. Andererseits ist die Faszination stark motiviert aus dem epochalen Streit zwischen dem Papsttum und dem r√∂misch-deutschen K√∂nig, bzw. Kaiser, im 11. Jahrhundert, dem so genannten Investiturstreit, durch den im Nachhinein betrachtet der Niedergang mittelalterlicher Kaiserherrlichkeit eingeleitet wurde und der Aufstieg des Papsttums zur Zentralmacht begann.

Papstgeschichte als Europäische Geschichte

Im Unterschied zu den Forschungsschwerpunkten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ist die Erforschung der Papstgeschichte in unserer Zeit weniger national verengt. Papstgeschichte wird heute als zentrales Segment der europ√§ischen Geschichte begriffen und dementsprechend im Kontext der politischen Geschichte international untersucht. Dies √§u√üert sich zun√§chst in einer st√§rkeren Beteiligung von Medi√§vistinnen und Medi√§visten aus dem nicht-deutschsprachigen Raum an der Grundlagenforschung, d.h. an der Sammlung und Erschlie√üung von original- und abschriftlich √ľberlieferten Papsturkunden.

Weiter wird erforscht, welche Bedeutung dem Papsttum bei der politischen und religi√∂sen Integration des mittelalterlichen Europa zukam. L√§ngst hat man erkannt, dass diese f√ľr unser gegenw√§rtiges politisches Bewusstsein zentrale Frage, nicht mehr allein aus politischen oder kirchenpolitischen Ereigniszusammenh√§ngen heraus erkl√§rt werden darf. Vielmehr spielen hier strukturgeschichtliche und vor allem kommunikationswissenschaftliche Ans√§tze eine bedeutende Rolle.

Daneben tritt der p√§pstliche Hof als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum immer mehr in den Mittelpunkt der Forschung und damit zugleich der ungeheure Aussto√ü an Schriftlichkeit der p√§pstlichen Kanzlei und des kurialen Beh√∂rdenapparates, der sich im Verlauf des 13. Jahrhunderts immer weiter ausdifferenzierte. Als Beispiel sei hier nur auf die so genannte ‚ÄěP√∂nitentiarie‚Äú verwiesen, das ist jene Beh√∂rde, die gem√§√ü ihrer Zust√§ndigkeit f√ľr das Bu√ü-, Ablass- und Dispensationswesen sehr gefragt war.

Herausforderungen der Papstgeschichte

Das Reservoir an politikgeschichtlichen, wirtschaftsgeschichtlichen, sozial- und kulturgeschichtlichen Fragestellungen zur Erforschung der Papstgeschichte im Besonderen und der Kirchengeschichte im Allgemeinen ist bei weitem noch nicht ersch√∂pft und wird sich weiter anf√ľllen, je z√ľgiger und besser die Erschlie√üung des einschl√§gigen, haupts√§chlich in lateinischer Sprache verfassten, Quellenmaterials voranschreitet.

Die Quellenerschlie√üung voran zu treiben ist gleichzeitig die gr√∂√üte Herausforderung der internationalen Forschung, weil die finanziellen Mittel nicht etwa nach dem Verursacherprinzip vom Vatikan gefordert werden k√∂nnen, sondern in der Regel durch staatlich getragene Forschungsinstitutionen, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft, bereitgestellt werden m√ľssen.

Die zweite Herausforderung besteht darin, den wissenschaftlichen Austausch derer zu gew√§hrleisten, die einzelne Aspekte des gro√üen Forschungsgebietes ‚ÄöPapsttum‚Äô bearbeiten. Angesichts des weltweiten Interesses an diesem Thema ist eine l√ľckenlose Vernetzung illusorisch. Im europ√§ischen Rahmen gibt es aber doch vielversprechende Ans√§tze, wie die regelm√§√üigen Arbeitstreffen all jener Bearbeiterinnen und Bearbeiter, die an der Erschlie√üung der Papsturkunden bis zum Ende des 12. Jahrhunderts beteiligt sind oder zwei von der deutschen Forschungsgemeinschaft √ľber mehrere Jahre finanzierte Netzwerke j√ľngerer Forscherinnen und Forscher. Das eine Netzwerk befasst sich mit dem Verh√§ltnis von universalem Papsttum und europ√§ischen Regionen im Hochmittelalter und das andere Netzwerk fokussiert das mittelalterliche Kardinalskollegium, dessen exklusive Stellung im p√§pstlichen Umfeld auch der heutigen √Ėffentlichkeit anl√§sslich der letzten Papstwahl im April 2005 wieder besonders deutlich geworden ist.

Die dritte Herausforderung sehe ich darin, Themen der Kirchen- und Papstgeschichte regelm√§√üig in der universit√§ren Lehre zu pr√§sentieren und ihnen damit den Stellenwert einzur√§umen, den die Kirche im Mittelalter hatte. Nun mag die Einsicht in die geschichtliche und kulturelle Relevanz von Kirche und Papsttum in Bayern st√§rker vorhanden sein als in anderen Regionen. Es geht dabei aber weniger um ein Bekenntnis zu unseren kulturellen Wurzeln, als vielmehr um die Einsicht in ein g√§nzlich anderes Gesellschaftsverst√§ndnis, in dem Kirche und Staat nicht als Gegensatz verstanden wurden, sondern als vielf√§ltig miteinander verwobene und auf einander angewiesene Triebkr√§fte f√ľr die Gestaltung und das Funktionieren der mittelalterlichen Sozialordnung.
Zitiervorschlag
Claudia Zey: Papst- und Kirchengeschichte, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einf√ľhrung (2007). URL: http://zey.mittelalterliche-geschichte.de
Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion